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Was ist eine Hörstörung? Testverfahren und ihre Ergebnisse

Gerlinde Renzelberg

Etwa 15 Millionen Menschen in Deutschland sind von einer Hörstörung betroffen. Ungefähr 90 Prozent davon sind über 50 Jahre alt. Aber ein bis zwei von tausend Kindern werden bereits mit einer auffälligen Hörminderung geboren. Dabei wird grundsätzlich zwischen zwei Arten von Hörstörungen unterschieden:

a) Schallempfindungsstörungen
Häufig handelt es sich bei Hörstörungen um Probleme im Innenohr, sogenannte Schallempfindungsstörungen. Hier sind in den meisten Fällen die Sinneszellen in der Hörschnecke teilweise oder umfänglich zerstört. Der Schall kann somit nur unvollständig über die Nervenbahnen an das Gehirn weitergeleitet werden. Die Ursachen von Schallempfindungsstörungen sind vielfältig. Sie können sowohl erblich bedingt sein als auch vor, während oder nach der Geburt erworben werden (z.B. Krankheiten der Mutter, Alkohol- oder Drogenkonsum in der Schwangerschaft, Frühgeburten, mangelnde Sauerstoffzufuhr bei der Geburt, Hirnhautentzündung).

b) Schallleitungsstörungen
Seltener sind Schallleitungsstörungen, bei denen das Außen- und/oder das Mittelohr betroffen sind. Beispielsweise ist der Gehörgang entzündet, verengt oder nicht vorhanden, das Trommelfell kann eingerissen sein oder die Gehörknöchelchenkette im Innenohr ist unterbrochen. Es kommt hierdurch zu einer nur gedämpften Übertragung der akustischen Reize. Schallleitungsstörungen treten oft erst innerhalb der frühen Lebensjahre und meist durch infektiöse Prozesse auf (z.B. Kinderkrankheiten, lang anhaltende Mittelohrentzündungen).

Hörstörungen führen zu einer eingeschränkten Wahrnehmung von akustischen Signalen. Das bedeutet nicht nur, dass Schallereignisse leiser oder gar nicht gehört werden;es kommt vielmehr häufig zu einem verzerrten, bruchstückhaften oder auch falschen Hören. Für die Erfassung einer Hörstörung steht eine breite Palette von diagnostischen Instrumentarien zur Verfügung. Bei den objektiven Verfahren bleibt der Proband passiv; bei den subjektiven Tests ist es notwendig, dass er sich aktiv beteiligt.

Objektive Testverfahren

Messung der otoakustischen Emissionen.Das Neugeborenen-Hörscreening (NHS) ist ein „Siebtest“, der nur eine Ja- oder Nein-Antwort liefert. Die Geräte, die für solche Screenings benutzt werden, zeigen deshalb entweder ein „pass“ für gehört oder ein „refer“ für nicht gehört an. Durch das Screening kann bereits kurz nach der Geburt festgestellt werden, ob das Kind gut hört oder möglicherweise ein Hörproblem vorliegt. Anfang 2009 wurde das NHS in Deutschland gesetzlich verankert; es besteht somit der Anspruch auf eine Früherkennungsuntersuchung auf Hörstörungen. Das NHS findet meist bei der zweiten Untersuchung (U2) noch in der Klinik statt.

Zur Durchführung des NHS stehen zwei verschiedene Verfahren zur Verfügung. Beide sind in wenigen Minuten durchführbar. Sinnvoll ist die Durchführung während das Kind nach dem Stillen schläft. Beim ersten Verfahren handelt es sich um die Messung transitorisch evozierter otoakustischer Emissionen (TEOAE). Dabei wird über eine Sonde, die in den Gehörgang eingeführt ist, ein Ton eingespielt, der bei einem gesunden Gehör Reaktionen im Innenohr auslöst. Eine „Antwort“ auf den Reiz lässt den Schluss zu, dass Außen-, Mittel- und Innenohr intakt sind.
Beim zweiten Verfahren, der automatisierten Hirnstammaudiometrie (automated Brainstem Electric Response Audiometry, kurz aBERA, bzw. automated Auditory Brainstem Response, kurz AABR), werden kurze Click-Signale angeboten. Die „Antwort“ des Hirnstamms wird ähnlich wie bei einem EEG über Elektroden gemessen, die auf die Stirn, den Nacken und die Wangen geklebt sind, oder über ein spezielles Screeninggerät, in das die Elektroden bereits integriert sind. Bei einer Reaktion auf den angebotenen Reiz kann davon ausgegangen werden, dass Außen-, Mittel- und Innenohr sowie die Regionen der Hörbahn bis zum Hirnstamm intakt sind.

Automatisierte Hirnstammaudiometrie mit einem speziellen Screeninggerät.Eine leichte Schwerhörigkeit wird bei beiden Verfahren allerdings nicht erkannt. Und ein auffälliges Testergebnis weist noch nicht zwingend auf eine Hörstörung hin, da sich eventuell noch Fruchtwasser im Gehörgang befinden kann. Deshalb muss die Untersuchung gegebenenfalls zeitnah wiederholt werden.

Bei wiederholt auffälligem Ergebnis werden weitere objektive Messverfahren eingesetzt, die ein differenzierteres Bild über eine mögliche Hörstörung zulassen. Zu den Standardverfahren gehören Tests, die ähnlich wie beim NHS Reaktionen der Haarzellen im Innenohr oder des Hirnstamms bestimmen, wie z.B. die klassische Messung von otoakustischen Emmissionen und die frequenzspezifische BERA. Sie sind zeitlich aufwändiger, können jedoch nicht nur Auskunft geben, ob eine Hörstörung vorliegt oder nicht, sondern lassen Aussagen zu, in welchen Frequenzbereichen möglicherweise eine Einbuße vorliegt, ob also eher tiefe, mittlere oder hohe akustische Signale weniger gut oder gar nicht gehört werden können.

Subjektive Testverfahren

Typische Situation bei einer Kinderaudiometrie: Der Prüfer spielt dem Kind über Kopfhörer verschiedene Signale ein.Verhaltensbeobachtungen werden vorwiegend bei Kleinkindern durchgeführt. Dem Kind werden Töne und Geräusche über Lautsprecher vorgespielt. Diese Signale sind verschieden laut, verschieden hoch und kommen aus verschiedenen Richtungen. Der Prüfer beobachtet und notiert, auf welche Signale das Kind reagiert. Wesentlich ist bei der Verhaltensaudiometrie – wie auch bei allen anderen subjektiven Messverfahren –, dass das Kind nicht durch Blickkontakt oder andere körperliche Signale der anwesenden Personen auf die Schallreize aufmerksam gemacht wird.
Bereits ab etwa 24 Monaten sind manche Kinder in der Lage, bewusst auf akustische Signale zu reagieren. Nun kann die Spielaudiometrie einsetzen. Das Kind soll z.B. durch Nicken deutlich machen, dass es etwas gehört hat. Daraufhin wird das Kind belohnt, wobei die Belohnungssysteme variabel und abhängig von der Entwicklung des Kindes sind. Bei einigen Kinder kann die Messung zu diesem Zeitpunkt statt über Lautsprecher sogar bereits über Kopfhörer erfolgen, so dass jedes Ohr getrennt überprüft werden kann.

Um ein möglichst genaues Bild von der Hörstörung zu erhalten, wird zusätzlich eine Messung mit dem Knochenleitungshörer durchgeführt, einem kleinen Vibrator, der am Schädel hinter dem Ohr angelegt wird. Genau wie das Trommelfell wird so auch der Schädelknochen zum Schwingen angeregt. Dadurch werden die akustischen Signale direkt an das Innenohr übertragen und somit das Außen- und das Mittelohr umgangen (siehe Abbildung 1). Diese Messung gibt Aufschluss darüber, ob eine Schallempfindungs- oder eine Schallleitungsstörung vorliegt. Um zu dokumentieren, was das Kind gehört hat, wird in einem Formular – dem sog. Audiogramm-Formular – vermerkt, wie laut (Schalldruck) und wie hoch (Frequenz) die angebotenen akustischen Reize waren. In den meisten Kliniken und in fast allen Beratungsstellen stehen dazu heute hochwertige Geräte und Computer zur Verfügung.

Etwa ab dem zweiten Lebensjahr können bereits auch Tests mit Sprache durchgeführt werden, sofern die Kinder eine entsprechende Lautsprachkompetenz erworben haben. Das Angebot an Testverfahren ist sehr vielfältig und sie werden nach dem Alter oder den intellektuellen Fähigkeiten des Kindes ausgewählt. Viele Tests zur Erfassung des Hörvermögens werden mit Störgeräuschen durchgeführt. Dadurch soll eine natürliche und alltägliche Situation geschaffen werden, da viele Probleme beim Hören eben gerade in lauter Umgebung auftreten (z.B. Straßenlärm, Unterhaltung vieler Menschen). Sprachtests geben wichtige Hinweise für die Einstellung von Hörgeräten und Cochlea-Implantaten.

Abb. 1: Schematische Darstellung der Funktion eines Knochenleitungshörers.Insgesamt ist zu betonen, dass es nicht das eine Messinstrument für ein bestimmtes Hörproblem gibt. Es ist sinnvoll, verschiedene Diagnoseinstrumentarien einzusetzen. Wesentlich ist vor allem bei Kindern neben der Ermittlung von messbaren Daten immer die Beobachtung von Verhaltensänderungen, die nicht selten damit zu tun haben, dass sich das Hören verändert hat oder dass ein Hörsystem nicht adäquat angepasst ist.

Darstellung von Hörverlusten: Das Audiogramm

Abb. 2: Hörkurve bei einer Schallempfindungsstörung: Hinweis auf eine Störung im Bereich des Innenohrs.Mittels Tests mit Sinustönen kann ein Hörschwellenaudiogramm erstellt werden. Dabei wird für verschiedene Frequenzen die Lautstärke (Schalldruck) gesucht, bei der der Prüfling gerade anfängt das Signal zu hören. Der Prüfer spielt die Frequenzen mit zunehmender Lautstärke ab, der Prüfling drückt einen Knopf sobald er den Ton hört. Der ermittelte Wert wird in ein Audiogrammformular eingetragen. Daraus wird ersichtlich, bei welcher Frequenz – gemessen in Kilohertz (kHz) – und bei welchem Schalldruck – gemessen in Dezibel (dB) – die einzelnen Signale wahrgenommen wurden. Die so festgestellten Punkte werden verbunden und es entsteht eine Hörschwellenkurve. Gemessen wird zuerst mit dem Luftleitungshörer, dann mit dem Knochenleitungshörer. Anhand dieser Messungen können Rückschlüsse auf die Art der vorliegenden Hörstörung gezogen werden: bei Schallempfindungsstörungen liegen die Kurven der beiden Messungen nahe beieinander (siehe Abbildung 2); bei Schallleitungsstörungen dagegen weisen sie einen Abstand auf, wobei die Kurve für die Messung der Knochenleitung (gestrichelte Linie) nahe der Nulllinie liegt (siehe Abbildung 3).

Abb. 3: Hörkurve bei einer Schallleitungsstörung: Hinweis auf eine Störung im Bereich des Außen- oder Mittelohrs.Null Dezibel ist der Wert, bei dem Menschen, die gut hören, gerade anfangen, ein akustisches Signal wahrzunehmen. Bei 90 bis 100 dB werden die eingespielten Signale von den meisten normalhörenden Menschen bereits als unangenehm oder sogar schon als schmerzhaft empfunden. Je tiefer die Hörschwellenkurve im Audiogramm liegt, also je mehr sie von der Nulllinie abweicht, desto geringer ist das Hörvermögen. Wenn die Kurve wie beispielsweise in Abbildung 2 rechts stark abfällt, können hohe Töne weniger gut wahrgenommen werden. Wenn die Kurve wie in Abbildung 3 relativ waagerecht liegt, liegt ein verminderter Höreindruck über alle Frequenzen vor.

Die Einteilung der Hörfähigkeit erfolgt üblicherweise in sechs Stufen, wobei die Angaben des Schalldruckbereichs in der Fachliteratur nicht einheitlich sind. In der unten stehenden Tabelle sind die am häufigsten genannten Angaben angeführt. Daneben wird aufgezeigt, welche akustischen Signale in etwa diesen Werten entsprechen.

TabelleAudiogramme mit ihren Hörschwellenkurven geben aber nicht nur Aufschluss, welche Störungen in welchen Bereichen des Gehörs vorliegen. Sie können auch helfen zu verstehen, warum bei einem bestimmten Kurvenverlauf Sprache nicht mehr – oder nicht mehr richtig – gehört wird. Es ist jedoch wesentlich zu betonen, dass es sich bei diesem Versuch der Erklärung nur um eines von vielen Puzzleteilchen der Antwort auf die Frage handelt, wie Hören oder Nicht-Hören funktioniert.
Um nun dieses eine Puzzleteilchen zu erklären, ist es wichtig zu wissen, dass die Mitlaute (Konsonanten) und die Selbstlaute (Vokale) der Sprache nicht gleichmäßig in dem Bereich des Hörens verteilt sind, den das Audiogramm abbildet. Die Laute der menschlichen Stimme konzentrieren sich auf eine Fläche, die sich nierenförmig in einem begrenzten Bereich ausdehnt. Sie wird deshalb „Sprachniere“ oder auch „Sprachbanane“ genannt.

Abb. 4: Eingeschränkte Wahrnehmung von Sprache: Die sogenannte „Sprachniere“, überlagert von der Hörkurve. Bestimmte Laute der Sprache werden durch die Hörstörung nicht mehr wahrgenommen.Wenn nun die ermittelte Hörschwellenkurve in einem Audiogramm auf die Sprachniere projiziert wird (siehe Abbildung 4), zeigt sich, dass in vielen Fällen auch die Fläche des Sprachbereichs betroffen ist. Was in der Abbildung dunkel markiert ist, wird nicht gehört. Im vorliegenden Beispiel sind vor allem die höheren Frequenzen abgeschnitten. Hier befinden sich die dominanten Anteile von Lauten, die hell klingen; im Deutschen wären das beispielsweise die Laute /i/ oder /s/. Dagegen werden Laute mit dominantem Anteilen im Bereich der tiefen Frequenzen, die deshalb auch tief klingen wie z.B. /u/ oder /m/ noch gut erkannt.

Verfasserin:
Prof. Dr. Gerlinde Renzelberg ist Professorin für Pädagogische Audiologie und Hör-Sprachförderung am Institut für Behindertenpädagogik der Universität Hamburg und Leiterin des Zentrums für DisabilityStudies (ZeDiS). Sie ist Vorsitzende der Norddeutschen Direktorenkonferenz (NorDiKo) der Leiterinnen und Leiter der Einrichtungen für Hörgeschädigte im norddeutschen Raum und seit 2006 Ständige Referentin der Fortbildung „Audiotherapeut“ der Europäischen Union der Hörgeräteakustiker (EUHA).

 

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Fotos: MAICO Diagnostic, G. Renzelberg

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