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Was ist Gebärdensprache?

Bettina Herrmann und Dennis Blitz

Gebärdensprachen haben alle Eigenschaften, die eine Sprache ausmachen.Genau genommen muss die Frage lauten: Was sind Gebärdensprachen?

Denn es gibt nicht – wie häufig angenommen wird – eine universelle Gebärdensprache, die auf der ganzen Welt gleich ist, sondern viele verschiedene nationale Gebärdensprachen: in Deutschland ist das die Deutsche Gebärdensprache (DGS), in Frankreich die Langue des Signes Française (LSF), in Großbritannien gebärdet man in British Sign Language (BSL), in den USA in American Sign Language (ASL) und so weiter und ebenso wie in den gesprochenen Sprachen (auch Lautsprachen genannt) gibt es auch in den Gebärdensprachen Dialekte, also regionale Unterschiede. Denn Gebärdensprachen haben sich, wie auch die verschiedenen Lautsprachen auf der Welt, natürlich entwickelt. Sie wurden nicht von jemandem „erfunden“. Vielmehr gab es schon immer gehörlose Menschen, deren Muttersprache sozusagen die Gebärdensprache ist, und die eine Sprachgemeinschaft bilden, in der diese lebendige Sprache entstanden ist.

Der Unterschied zwischen Gebärdensprachen und Lautsprachen besteht in der Art und Weise, wie und womit sprachliche Zeichen produziert werden. In der gesprochenen Sprache sind es vor allem die Stimmbänder, die im Zusammenspiel mit Zunge und Lippen akustische Signale erzeugen. Diese Signale werden auditiv, also über das Ohr, aufgenommen. In der gebärdeten Sprache sind es gestische Zeichen, die vor allem mit den Händen gebildet werden und im Kontext mit der räumlichen Bewegung, der Ausführungsstelle des Zeichens, der Mimik und der Körperhaltung die Gebärden ergeben. Sie werden visuell, also mit den Augen, wahrgenommen. Gebärdensprachen haben alle Eigenschaften, die eine Sprache ausmachen. In der Sprachwissenschaft gelten sie als eigenständige und vollwertige, natürliche Sprachen. Sie haben eine eigene Grammatik, die sich grundlegend von der Grammatik der Lautsprachen unterscheidet.

In Deutschland ist die DGS seit ihrer Verankerung im Behindertengleichstellungsgesetz von 2002 offiziell an-erkannt. Unterscheiden muss man die DGS von anderen Kommunikationsformen des Deutschen, die auch Gebärden verwenden, wie z.B. Lautsprachbegleitendes Gebärden (LBG) oder Lautsprachunterstützendes Gebärden (LUG). Dabei begleitet man unterstützend das gesprochene Deutsch unter Verwendung von Gebärden. Demnach ist LBG, anders als die DGS, keine eigenständige Sprache, denn sie folgt der Grammatik der deutschen Lautsprache und kann als visuelle Form der gesprochenen Sprache angesehen werden. LBG wird häufig von schwerhörigen und ertaubten Menschen verwendet, die lautsprachlich orientiert sind und daher diese Form der Kommunikation eher bevorzugen. Lautsprachbegleitende Gebärden sind im Behindertengleichstellungsgesetz als Kommunikationsform der deutschen Sprache anerkannt.

Mittels Gebärdensprache kann man alles ausdrücken, sowohl konkrete Dinge als auch abstrakte Gedanken. Man kann sich in Gebärdensprache über das Wetter unterhalten oder auch über politische Themen diskutieren. Der Ausdrucksfähigkeit sind keine Grenzen gesetzt. Oftmals kann in Gebärdensprache sogar mancher Inhalt viel kompakter und eindeutiger formuliert werden, da sich mehrere Inhalte gleichzeitig in eine gebärdensprachliche Äußerung einbinden lassen. Zum Beispiel nutzt die Grammatik der DGS für die Verortung von Personen und Gegenständen den sogenannten Gebärdenraum – der Bereich vor dem Oberkörper, in dem die Gebärden ausgeführt werden. Am Anfang einer Äußerung können einzelne Objekte an einen bestimmten Ort im Gebärdenraum platziert werden, worauf dann im weiteren Verlauf lediglich durch Zeigen auf die jeweilige Stelle der Bezug hergestellt wird. Für Eigennamen oder Fremdwörter wird meistens auf das sogenannte Fingeralphabet zurückgegriffen. Es ist ein Hilfsmittel, um die Buchstaben des Alphabets durch Handzeichen zu visualisieren.

Gebärdensprache zu lernen ist genauso komplex wie das Erlernen einer gesprochenen Sprache und dauert ebenso lange. Viele Hörende sind anfangs gehemmt, den Körper als Sprachinstrument zu nutzen. Gleichzeitig übt die Gebärdensprache eine große Faszination auf viele hörende Menschen aus, die von ihrer Ausdruckskraft und Lebendigkeit begeistert sind.
Viele gehörlose und hochgradig hörbehinderte Menschen sehen die Gebärdensprache als ihre Muttersprache an, weil sie die Gebärdensprache aufgrund ihrer Zugänglichkeit als ihre natürliche Sprache betrachten. Das gilt oft auch dann, wenn sie die Gebärdensprache erst später im Leben erwerben konnten. Kommunikative Barrieren, mit denen hörbehinderte Menschen tagtäglich konfrontiert sind, verschwinden in der Gemeinschaft der GebärdensprachnutzerInnen. Die Gehörlosengemeinschaft kann als sprachliche Minderheit angesehen werden, der durch das Recht auf die Verwendung ihrer Muttersprache in allen Lebensbereichen eine aktive Teilhabe an der Gesellschaft gewährt werden kann.

 

VerfasserInnen:
Bettina Herrmann ist wissenschaftliche Referentin beim Deutschen Gehörlosen-Bund e.V. Vor dieser Tätigkeit war sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin in verschiedenen Projekten am Institut für Deutsche Gebärdensprache und Kommunikation Gehörloser (IDGS) an der Universität Hamburg beschäftigt. Sie ist Mitautorin der „Grammatik der Deutschen Gebärdensprache“. Dennis Blitz ist Student der Gebärdensprachen am IDGS. Er war in der sprachlichen Frühförderung hörender Kinder gehörloser Eltern tätig. Während seines eineinhalbjährigen Auslandaufenthaltes an der Université Paris 8 lernte er die Französische Gebärdensprache.

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Foto: E. Körschenhausen

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