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Häufige Fragen von Eltern

Für die meisten Eltern stellt die Feststellung einer Hörschädigung zunächst einen Schock dar. Sie sehen sich plötzlich mit einer Realität konfrontiert, die ihnen völlig unbekannt ist und die sie sich nicht vorstellen können. Plötzlich sind da Gedanken und Fragen, für die sie noch keine Antworten haben. Im Folgenden sollen einige dieser häufigen Fragen beantwortet werden.



Was tun nach der Diagnose?

Neben der medizinischen Beratung sollten Sie unbedingt zusätzlich Hilfe und Unterstützung bei verschiedenen Beratungsstellen und Frühförderzentren suchen. Eltern sollten großen Wert auf eine umfassende, wertneutrale und ganzheitliche Beratung legen und auf die Erfahrung von Fachleuten, insbesondere Fachleuten mit Hörbehinderung, zurückgreifen. Die Beratung sollte nicht nur das betroffene Kind im Blick haben, sondern die ganze Familie. Eines muss immer mit bedacht werden: Für jedes Kind muss individuell entschieden und das Für und Wider abgewogen werden. Für den Umgang mit der Diagnose einer Hörbehinderung gibt es kein allgemein gültiges Rezept.

Sehr empfehlenswert ist es für Eltern auch, Kontakt zu anderen Eltern hörbehinderter Kinder aufzubauen. Die Erfahrungen anderer Eltern sind genauso wertvoll wie das Fachwissen beratender Fachleute. Der Austausch mit anderen Eltern hilft dabei, den eigenen Weg zu finden.

Lesen Sie hierzu auch die Beiträge von Manfred Hintermair und Johannes Hennies.



Kann mein Kind sprechen lernen?

Nach der Diagnosestellung besteht die größte Angst hörender Eltern oft darin, nicht mit ihrem Kind sprechen und damit auch nicht mit ihm kommunizieren zu können. Der Akt des Sprechens wird oft mit der Fähigkeit zu Kommunizieren gleichgesetzt und die Diagnose der Hörschädigung mit der Vorstellung verbunden, mit dem Kind nicht kommunizieren zu können. Damit ist wiederum die Angst verbunden, mit dem Kind keine so starke emotionale Bindung aufbauen zu können, wie es mit einem hörenden Kind ganz selbstverständlich möglich wäre.

Diese Ängste sind verständlich, aber unbegründet. Natürlich ist Kommunikation möglich. Der Aufbau einer liebevollen Bindung zu seinem Kind ist nicht von einem funktionierenden Hörorgan abhängig. Kommunikation ist viel mehr als Artikulation.

Richtig ist, dass der Erwerb der gesprochenen Sprache erschwert sein wird und sich die Aussprache Ihres Kindes anders anhören wird als die eines hörenden Kindes. Trotzdem kann es sprechen lernen. Und Sie können ihm kommunikativ entgegenkommen, indem Sie Ihrem Kind außerdem eine Sprache anbieten, die es in jeder Situation verstehen kann: die Gebärdensprache. Denn Kommunikation funktioniert nur gemeinsam.

Lesen Sie hierzu auch die Beiträge von Gisela Szagun, Simon Kollien, Manfred Hintermair und Wiebke Gericke.



Wie verläuft der Spracherwerb bei Kindern mit einer Hörbehinderung?

Die so genannte sensible Phase der Sprachentwicklung, in der das Lernen einer Sprache besonders effektiv verläuft, ist ungefähr während der ersten vier Lebensjahre. Innerhalb dieser Phase kann sich das Gehirn auf sprachlicher Ebene am besten ausbilden und Sprache – sowohl gesprochene Sprache als auch Gebärdensprache – kann am leichtesten erworben werden.
Im Vergleich zum natürlichen Spracherwerb hörender Kinder wird bei Kindern mit Hörbehinderung der Erwerb der gesprochenen Sprache etwas verzögert und unter erschwerten Bedingungen verlaufen. Am Anfang muss es zunächst darum gehen, die Regionen im Gehirn zu aktivieren, die für die Verarbeitung von Sprache zuständig sind. Dies ist sowohl durch gesprochene Sprache als auch durch Gebärdensprache möglich – allerdings ist gesprochene Sprache für das hörbehinderte Kind nur begrenzt zugänglich.

Das frühe Erlernen der Gebärdensprache führt bei vielen Kindern dazu, dass ihre natürliche Sprachkompetenz aktiviert wird, die wiederum das Erlernen der Lautsprache fördert. Gebärdensprachlich geförderte Kinder durchlaufen beim Erwerb der Gebärdensprache dieselben Sprachentwicklungsschritte wie hörende Kinder im Verlauf des Lautspracherwerbs. Eine zweisprachige Sprachförderung hörbehinderter Kinder sollte daher gerade innerhalb der sensiblen Phase angeboten werden.

Lesen Sie hierzu auch die Beiträge von Barbara Hänel-Faulhaber und Gisela Szagun.



Gebärdensprache – Ja oder Nein?

Lange Zeit war die Sprachförderung hörbehinderter Kinder einseitig darauf angelegt, dass diese sprechen und von den Lippen absehen lernen. Der Einsatz von Gebärdensprache wurde negativ bewertet und abgelehnt. So hielt sich sehr lange das Vorurteil, dass der Erwerb der Lautsprache durch das gleichzeitige Angebot von Gebärdensprache behindert und erschwert würde. Ein Argument, das leider in vielen Fällen dazu führte, dass Kindern der Zugang zur Gebärdensprache zunächst verwehrt blieb – mit negativen Auswirkungen auf ihre sprachliche und kognitive Entwicklung.

Der Einsatz von Gebärdensprache in der Frühförderung mit dem Ziel eines zweisprachigen Bildungsweges ist also in Verbindung mit einer dem Kind angemessenen medizinisch-technischen Versorgung unbedingt zu empfehlen. Das Kind erhält so die Chance, eine barrierefreie Sprache als Erstsprache zu erwerben und darüber hinaus auch in allen späteren Lebensphasen über die erforderlichen Ressourcen zu verfügen, etwa um mittels Gebärdensprachdolmetschern zu studieren.

Lesen Sie hierzu auch die Beiträge von Barbara Hänel-Faulhaber, Simon Kollien, Manfred Hintermair und Katrin Bentele.



Cochlea-Implantat (CI) oder Hörgeräteversorgung? Warum gibt es Meinungen gegen das CI?

Diese Frage ist eine der ersten Fragen, mit der Eltern nach der Diagnose konfrontiert werden. Die Schwierigkeit bei ihrer Beantwortung besteht darin, dass es keine allgemeingültige Antwort für die eine oder andere Technik gibt. Einzig bei den Kindern, für die eine Implantation nicht in Frage kommt (z.B. bei fehlendem Hörnerv oder verknöcherter Cochlea), ist der Weg in dieser Hinsicht eindeutig. In den meisten anderen Fällen wird von medizinischer Seite aus die Möglichkeit eines CI früh zur Sprache gebracht.

Da es sich bei einer CI-Implantation um einen schwerwiegenden Eingriff mit Risiken und lang anhaltenden Folgen für Ihr Kind handelt, sollte diese Entscheidung nicht übereilt getroffen werden. Leider berichten betroffene Eltern immer wieder, dass sie sehr schnell zu einer Implantation gedrängt werden. Vorab sollten Sie genau klären, ob die Versorgung mit Hörgeräten nicht ausreichen kann, denn auch die technische Entwicklung digitaler Hörgeräte schreitet stetig voran. Nur mit Hörgeräten ist es möglich, vorhandene Hörreste optimal auszunutzen; nach einer CI-Implantation sind diese unwiederbringlich zerstört. Die hohen Erwartungen, die in der Regel an das CI geknüpft werden, produzieren auch einen ungeheueren Erfolgsdruck auf das Kind. Daraus resultierende psychische und psychosoziale Folgen sind noch unzureichend bekannt. Auch Identitätskonflikte können auftreten. Das CI macht aus einem gehörlosen Kind keinen hörenden Menschen, sondern es bleibt nach wie vor hörbehindert. Es wird im Alltag an kommunikative Barrieren stoßen – nicht nur dann, wenn es zum Schwimmen oder Schlafen die äußeren Teile des CIs abnehmen muss und somit zeitweise komplett gehörlos ist.

Geben Sie sich die nötige Zeit, das Für und Wider abzuwägen, sich mit den Chancen und Risiken einer CI-Implantation zu beschäftigen und realisieren Sie vor allen Dingen, dass Ihr Kind auch nach einer Implantation ein Kind mit einer Hörbehinderung bleibt.

Lesen Sie hierzu auch die Beiträge von Gisela Szagun und Katrin Bentele.



Wo kann ich Gebärdensprache lernen? Wer trägt die Kosten?

Eltern, die Gebärdensprache lernen möchten, können Kurse besuchen, die häufig von den Gehörlosen-Landesverbänden, an Volkshochschulen oder von privaten Gebärdensprachschulen angeboten werden. Es ist auch möglich, einen Familiengebärdensprachkurs zu Hause zu beantragen. Die Kostenübernahme für Gebärdensprachkurse für Eltern wird leider nicht überall gleichermaßen gehandhabt, jedoch sollte eine Finanzierung auf Grundlage der Paragraphen 26 und 55 SGB IX möglich sein. Wichtig ist, dass Sie den Anspruch des Kindes geltend machen. Dass Sie als Eltern die Gebärdensprache beherrschen ist zentral für die kognitive Entwicklung Ihres Kindes, aber auch für die emotionale und kommunikative Beziehung zwischen Ihnen und Ihrem Kind, weil dafür eine gelingende Kommunikation von entscheidender Bedeutung ist. Neben Sprachkursangeboten gibt es auch zahlreiche Selbstlernmaterialien, die das Erlernen der Gebärdensprache zusätzlich unterstützen können. Suchen Sie auch den Kontakt zu gehörlosen Erwachsenen. So können Sie Ihre Sprachkenntnisse am besten vertiefen.

Lesen Sie hierzu auch das Interview mit Luise G. und den Infokasten.



Wie komme ich in Kontakt mit anderen betroffenen Eltern und Selbsthilfegruppen?

Für Kontakte mit anderen Eltern mit hörbehinderten Kindern wenden Sie sich an den Bundeselternverband gehörloser Kinder e. V., der auch Fach- und Freizeitveranstaltungen für Eltern und Kinder anbietet. Auf europäischer Ebene ist der Europäische Verband der Eltern hörgeschädigter Kinder (FEPEDA) aktiv. In vielen Städten gibt es auch Netzwerke von Eltern oder Elterngruppen in den Gehörlosen- und Schwerhörigenvereinen.

Lesen Sie hierzu auch die Beiträge von Manfred Hintermair und Johannes Hennies.


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