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Zum bilingualen Spracherwerb von Laut- und Gebärdensprache – Parallelen zur Mehrsprachigkeit

Barbara Hänel-Faulhaber

Hörgeschädigte Kinder, die in Laut- und Gebärdensprache aufwachsen, sind in beiden Sprachen besser als rein lautsprachlich geförderte Kinder.Kinder beim Erlernen von Sprache zu beobachten, lässt einen staunen: Innerhalb weniger Jahre erwerben sie mühelos eine oder sogar mehrere Sprachen und beherrschen sie dann nahezu fehlerfrei. Diese Leistung ist phänomenal! Und sie ist umso erstaunlicher, wenn man bedenkt, wie viel Mühe es Erwachsenen bereitet, eine weitere Sprache zu lernen. Erwachsene brauchen dafür mehrere Jahre und erreichen dabei lange nicht die Kompetenz der Kinder. Wir wissen heute durch eine Vielzahl von Studien, dass wir Menschen eine angeborene Fähigkeit haben, mehrere Sprachen gleichzeitig zu lernen. Damit sind die alten Vorurteile aus den 1970er-Jahren zur Mehrsprachigkeit deutlich widerlegt: Lange Zeit befürchtete man, dass das Kind bei einem gleichzeitigen Angebot von mehreren Sprachen sowohl sprachlich als auch kognitiv, emotional, ja sogar moralisch benachteiligt wäre und keine der angebotenen Sprachen gut lernen könne. Heute wissen wir jedoch, dass Kinder sehr wohl in der Lage sind, zwei oder sogar mehrere Sprachen gleichzeitig zu erlernen, wenn einige Prinzipien eingehalten werden. Als Voraussetzungen gelten klare Sprachmodelle, gleichwertiger Sprachstatus und kindgemäße, reichhaltige Anregungen in den Sprachen.

Kind mit LuftballonsDie Skepsis gegenüber der frühen Mehrsprachigkeit schlug sich verstärkt auf Kinder mit einer Hörschädigung nieder: Auch hier dachte man lange Zeit (und denkt es leider z.T. noch immer), der Erwerb der Lautsprache würde durch das Angebot einer zweiten Sprache, etwa der Gebärdensprache, erschwert. Hinzu kam, dass man befürchtete, dass die leichter zugängliche Gebärdensprache den Kindern die Motivation nähme, die Lautsprache zu erlernen. Heute blicken wir jedoch auch hier auf eine sehr differenzierte Forschungsarbeit zu Erwerb und Verarbeitung von Laut- und Gebärdensprachen zurück. Als eines der wichtigsten Forschungsergebnisse ist festzuhalten, dass Kinder mit einer Hörschädigung, die in Laut- und Gebärdensprachen aufgewachsen sind, in beiden Sprachen deutlich besser abschneiden als rein lautsprachlich geförderte Kinder. Der Grund dafür liegt darin, dass sich gebärdensprachlich geförderte Kinder eine intuitive Sprachkompetenz für das Erlernen der Lautsprache zu Nutze machen können. Diese Sprachkompetenz wurde während der so genannten sensiblen Phase über die Gebärdensprache aufgebaut. Sensible Phasen sind bestimmte Entwicklungsphasen in der Kindheit, in denen der Lernzuwachs besonders effektiv ist. Obwohl auch im Erwachsenenalter gelernt werden kann, zeigen sich hier qualitative und quantitative Unterschiede. Das bedeutet, dass das menschliche Gehirn zwar ein Leben lang durch Erfahrungen und Lernen veränderbar ist, in der Kindheit jedoch das Lernen sehr viel schneller und teilweise anders erfolgt als im Erwachsenenalter. Die sensible Phase für die Sprachentwicklung ist ungefähr während der ersten drei bis vier Lebensjahre. Zu dieser Zeit wachsen die neuronalen Verbindungen in den Spracharealen verstärkt und sind darauf angewiesen, durch sprachliche Umweltreize aktiviert zu werden. Das bedeutet, dass in dieser Phase eine angemessene sprachliche Stimulation zu einer ‚normalen‘ Sprachentwicklung führt. Deshalb ist gerade in dieser Periode die sprachliche Umwelt wichtig. Bleibt die Anregung aus, verkümmern die Nervenzellverschaltungen wieder. Die Fähigkeit zur Veränderung im Gehirn ist auch der Grund dafür, warum sich das Lernen einer oder mehrere Sprachen von Geburt an vom späteren Lernen einer zweiten Sprache unterscheidet. Zwar kann im Optimalfall eine Zweitsprache nahezu perfekt gelernt werden, hier scheinen aber andere Lernprinzipien eine Rolle zu spielen.

Entscheidend ist, dass das Kind die Sprache voll wahrnehmen (also verstehen) kann.Untersuchungen zum frühen und verspäteten Gebärdenspracherwerb zeigen, dass auch hier deutliche Unterschiede in Abhängigkeit zum Erwerbsalter auftreten. Alle bisherigen Studien in diesem Bereich bestätigen, dass sich der Erwerb der Gebärdensprache während der sensible Phase positiv auf die allgemeine Sprachkompetenz niederschlägt. Studien zu gehörlosen Kindern von gehörlosen Eltern haben gezeigt, dass dieselben Sprachentwicklungsschritte durch die Gebärdensprache aktiviert werden wie bei hörenden Kindern durch die Lautsprache. So beginnen gebärdensprachlich aufwachsende Kinder etwa zu einem vergleichbaren Zeitpunkt wie hörende Kinder sprachspezifisch zu brabbeln – und zwar mit ihren Händen. Sie beginnen somit in der typischen „Lallphase“ ihre für die Gebärdensprache wichtigen Artikulationswerkzeuge zu trainieren, um sich so auf die spätere Produktion von Gebärden vorzubereiten. Um den ersten Geburtstag zeigen sie die ersten symbolisch gebrauchten Gebärden. Auch dies ist mit dem Auftreten der ersten Wörter bei hörenden Kindern vergleichbar. Sie durchlaufen den wichtigen Vokabelspurt, um dann mit Zwei-Gebärden-Kombinationen die ersten Sätze zu produzieren. Und schließlich eignen sich die Kinder in ähnlichen Schritten nach ähnlicher Systematik die Grammatik der Gebärdensprache an. Dies ist umso erstaunlicher, da die Grammatik in Gebärdensprachen teilweise räumlich ausgedrückt wird. Dennoch zeigen auch hier beide Lernergruppen dieselbe Erwerbslogik. Studien zur Sprachverarbeitung von Gebärdensprachen im Gehirn unterstützen diese Ergebnisse. Sie haben gezeigt, dass trotz der bildlich-räumlichen Anteile in Gebärdensprachen, diese in den typischen Sprachbereichen im Gehirn verarbeitet werden (nämlich in der linken Hirnhälfte). Dies alles deutet daraufhin, dass Kinder, sobald sie eine Sprache angeboten bekommen, ihren angeborenen Sprachverarbeitungsapparat in Gang setzen. Hierfür spielt keine Rolle, ob es eine gesprochene oder gebärdete Sprache ist. Entscheidend ist jedoch, dass das Kind die Sprache voll wahrnehmen (also verstehen) kann. Fehlt dies, kann es zu großen Sprachverzögerungen kommen, was sich auf die Sprachfähigkeit niederschlägt und damit gravierende Folgen für den allgemeinen Wissenszuwachs haben  kann.

Da Gebärdensprachen von Kindern mit einer Hörschädigung leichter wahrgenommen werden können, wird oftmals dafür argumentiert, erst nur in der schwerer zugänglichen Lautsprache zu kommunizieren und erst dann, wenn dieser Erwerb nicht erfolgreich verläuft, Gebärdensprachen anzubieten. Auch hier zeigen heute mehrere Studien eindrücklich, dass es einen deutlichen Unterschied für die Sprachkompetenz und Sprachverarbeitung im Gehirn macht, Gebärdensprachen von Geburt an oder in der Schule gelernt zu haben: Menschen mit einer Hörschädigung, die bilingual in Laut- und Gebärdensprachen aufgewachsen sind, schneiden sowohl in Gebärdensprachtests als auch in Lautsprachtests deutlich besser ab als Gehörlose, die in den ersten Lebensjahren nur mit einer Lautsprache aufgewachsen sind und über diese meist keine angemessene frühe Spracherfahrung aufbauen konnten. Interessanterweise ist die Sprachkompetenz und -verarbeitung der Lautsprache bei bilingual aufgewachsenen Gehörlosen ungefähr vergleichbar mit der von hörenden Erwachsenen, die eine zweite Lautsprache als Zweitsprache gelernt haben. Auch dieses Ergebnis zeigt wiederum eindrücklich die Vergleichbarkeit der Lern- und Verarbeitungsprozesse von Laut- und Gebärdensprachen. Die bisherigen Ergebnisse machen somit deutlich, dass ein angemessenes frühkindliches Sprachangebot entscheidend ist, nicht nur für den Aufbau einer generellen Sprachfähigkeit, sondern auch für den Erwerb jeder weiteren Sprache. Zusammenfassend zeigt die bisherige Forschung zu Erwerb von Laut- und Gebärdensprachen:

  1. Gebärdensprachen werden in ähnlichen Erwerbsschritten gelernt wie Lautsprachen und aktivieren u.a. die in der linken Hirnhälfte typischen Areale für Sprache.
  2. Die Sprachkompetenz ist abhängig vom Alter des Erwerbs: dies gilt für Lautsprachen gleichermaßen wie für Gebärdensprachen.
  3. Eine unvollständig erworbene Erstsprache hat Auswirkungen auf die generelle Sprachkompetenz und das Erlernen jeder weiteren Sprache.

 

Verfasserin:
Dr. Barbara Hänel-Faulhaber ist seit 2007 Juniorprofessorin an der Universität Hamburg. Ihr Arbeits- und Forschungsschwerpunkt liegt in der bilingualen Erziehung von Kindern mit Förderschwerpunkt Hören und Kommunikation. Sie befasst sich seit mehreren Jahren mit dem Erwerb und der Verarbeitung von Deutsch und Deutscher Gebärdensprache und den daraus erwachsenden Konsequenzen für die schulische Praxis.

 

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Fotos: H. Christ

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