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Lautspracherwerb bei Kindern mit Cochlea-Implantat

Gisela Szagun

Kinder mit besserem voroperativen Hören haben eine schnellere Lautsprachentwicklung.Das auffälligste Merkmal des Spracherwerbs bei Kindern mit Cochlea-Implantat (CI) sind die extremen Unterschiede in ihrer Sprachentwicklung. Es kann passieren, dass von zwei dreijährigen Kindern, die beide im Alter von exakt einem Jahr ein Cochlea-Implantat erhielten, das eine in ganzen Sätzen spricht, das andere nur in Einwortäußerungen. Wie verläuft der Spracherwerb bei Kindern mit CI, und woher kommen die großen Unterschiede?

Verlauf des Lautspracherwerbs
Kinder lernen aus der Sprache, die um sie herum gesprochen wird. Zunächst lernen sie, die Laute und die Sprachmelodie ihrer Muttersprache zu erkennen. Das dauert bei normalhörenden Babys ein ganzes Jahr. Ein Kind mit CI muss dieses erst nachholen, bevor es anfängt zu sprechen. Daher sollte man im ersten Jahr nach der Implantation nicht zu viel an gesprochener Sprache erwarten. Wenn die Kinder dann anfangen zu sprechen, ist die Aussprache oft sehr undeutlich und viele Äußerungen sind nicht oder kaum als Wörter zu erkennen.

Viele Kinder mit CI beginnen im ersten Jahr nach der Implantation mit Wörtern und manche beginnen sogar dann schon, kurze Sätze zu produzieren. Bei anderen Kindern kann es sehr viel länger dauern. Wenn der Spracherwerb dem natürlichen äquivalent verläuft, kommt er mit der Bildung kurzer Sätze bis ungefähr zwei oder zweieinhalb Jahre nach der Implantation voll in Gang. Eine Garantie auf einen natürlichen Spracherwerb gibt es jedoch nicht. Bei manchen Kindern verläuft der Spracherwerb so langsam, dass auch dreieinhalb Jahre nach der Operation noch kaum längere Sätze als Zweiwortäußerungen gesprochen werden. Bei diesen Kindern ist der Spracherwerb dem natürlichen nicht mehr vergleichbar.

Es ist wichtig, dass die an das Kind gerichtete Sprache reichhaltig ist und damit für das Kind interessant bleibt.Kinder mit CI erwerben Sprache mit den gleichen Lernmechanismen wie normalhörende Kinder: Durch Nachahmung und die Verallgemeinerung von Regelhaftigkeiten. Der letztere Lernmechanismus führt auch zu Fehlern – dann nämlich, wenn die Kinder eine Regelhaftigkeit dort anwenden, wo sie nicht zutrifft. Fehler sind im Spracherwerb normal. Bei Kindern mit CI gibt es in manchen grammatischen Bereichen jedoch mehr Fehler als bei normalhörenden Kindern. Das betrifft insbesondere die Artikel, die im Deutschen schlecht hörbar sind. In diesem Bereich kann auch bei CI-Kindern mit gutem Spracherwerb eine bleibende Schwäche liegen, die vermutlich durch den Erwerb der Schriftsprache ausgeglichen werden kann.

Bei normalhörenden Kindern verläuft der Spracherwerb schnell und mühelos. Bis zum Alter von vier Jahren verfügen die meisten Kinder über eine grundlegende Grammatik, und sie haben noch nicht einmal gemerkt, wie sie diese gelernt haben. Das liegt daran, dass junge Menschen eine besondere Sensibilität für sprachliches Lernen haben.
Diese Sensibilität ist in den Prozessen des Aufbaus neuronaler Systeme im Gehirn zur Verarbeitung von Sprache begründet. Man geht davon aus, dass sie bis zum Alter von ca. vier Jahren am größten ist und dann allmählich nachlässt.

Die Gründe für die extremen Unterschiede im Lautspracherwerb von Kindern mit CI sind nicht vollends bekannt. Einige Einflussfaktoren sind jedoch identifiziert und werden im Folgenden genannt.

• Implantationsalter
Es ist durch viele Studien belegt, dass die Lautsprachentwicklung besser verläuft, wenn die Kinder vor dem Alter von vier Jahren implantiert werden. Ob sie  besser verläuft, je früher die Kinder innerhalb dieser Zeitspanne implantiert werden, ist zurzeit nicht geklärt. Es ist auch davon abhängig, wie viel an Sprache die Kinder vor der Implantation erwerben können. Verschiedene Forschungsergebnisse zeigen, dass der Spracherwerb schneller verläuft, wenn die Implantation vor dem Alter von 24 Monaten stattfand. Eindeutige Belege dafür, dass der Spracherwerb besser verläuft, wenn die Kinder im ersten Lebensjahr implantiert werden, gibt es zurzeit nicht. Generell ist der Einfluss des Implantationsalters im Vergleich zu anderen Faktoren nicht sehr stark.

• Qualität des Hörens mit Hörgeräten vor der Implantation
Das voroperative Hören mit Hörgeräten hat sich als einflussreich erwiesen. Kinder mit besserem voroperativen Hören haben eine schnellere Lautsprachentwicklung. Der Einfluss ist stärker als der des Implantationsalters, sofern dieses vor vier Jahren liegt, und er wirkt sich  besonders auf den Grammatikerwerb aus.

• Unterstützung durch die Eltern
Ein starkes Engagement der Eltern bei der Rehabilitation ihres Kindes und ein reichhaltiges Sprachangebot an das Kind wirken förderlich auf den Spracherwerb. Es ist wichtig, dass die an das Kind gerichtete Sprache reichhaltig ist und damit für das Kind interessant bleibt. Kinder mit CI werden durch Aufforderungen zum Nachsprechen und viele wörtliche Wiederholungen genauso gelangweilt wie normalhörende Kinder und können die Freude an der Kommunikation verlieren.

• Qualität der Sprache der Eltern
Spezielle Merkmale der Sprache der Eltern im Dialog mit ihrem Kind haben sich als förderlich für den Spracherwerb erwiesen. Das betrifft die gemeinsame Aufmerksamkeit auf ein Thema, inhaltliche Wiederholungen, Reichhaltigkeit in Vokabular und Grammatik und ganz besonders die Erweiterungen von unvollständigen oder fehlerhaften Äußerungen des Kindes. Erweiterungen sind Äußerungen von Erwachsenen, die unmittelbar auf eine unvollständige oder fehlerhafte kindliche Äußerung folgen und dabei die korrekte grammatische Form anbieten. Die Erweiterungen helfen den Kindern, die grammatischen Endungen von Wörtern zu erwerben. Erwachsene produzieren sie automatisch, wenn sie mit kleinen Kindern sprechen. Außerdem wirken sie spezifisch, d.h. mehr Erweiterungen von fehlerhaften Artikeln führen einige Monate später zum besseren Artikelgebrauch. Das gleiche gilt für Mehrzahlformen und Endungen an Verben. Erweiterungen sind also ein exzellentes Mittel, den Kindern beim Erwerb auch von solchen Formen zu helfen, die für sie schlechter hörbar sind, wie z.B. die Artikel.

Mädchen guckt gebannt zuSchlussfolgerungen für die Praxis
Zurzeit erhalten die meisten Kinder ihr Cochlea-Implantat vor dem Alter von drei oder sogar zwei Jahren. Dabei geht man davon aus, dass das optimale Zeitfenster für den Sprach-erwerb bei einer Implantation im ersten und zweiten Lebensjahr am besten genutzt werden kann. Diese Annahme scheint berechtigt. Sie betrachtet allerdings nur einen von vielen Faktoren, die den Spracherwerb der Kinder beeinflussen. Gerade bei früh implantierten Kindern sind die Einflüsse der sozialen Umwelt stärker als die des Implantationsalters. Aber auch wenn alle uns bekannten Einflüsse auf den Spracherwerb von Kindern mit CI betrachtet werden, können wir die enormen individuellen Unterschiede in ihrer Sprachentwicklung nur teilweise erklären. Daher darf nicht ein einzelner Faktor, weder das frühstmögliche Implantationsalter noch das Engagement und die Sprache der Eltern, als eine Garantie auf einen erfolgreichen Spracherwerb hingestellt werden.

Die Erwartungen an das CI sind ungeheuer hoch, und es ist erforderlich, sie auf ein realistisches Maß herunterzuschrauben. Ein Kind mit CI bleibt ein hörbeeinträchtigtes Kind, wenn auch in geringerem Maße. Ein Lautspracherwerb, der dem natürlichen gleicht, ist nicht garantiert. Eine sichere Prognose für ein einzelnes Kind ist nicht möglich. Bei der Entscheidung über den Zeitpunkt der Implantation kommt es nicht auf einige Monate früher oder später an. Er sollte nicht überstürzt erfolgen, sondern erst nachdem die Eltern sich gründlich über die verschiedenen Möglichkeiten für ihr hörgeschädigtes Kind informiert und ihre ersten gefühlsmäßigen Reaktionen verarbeitet haben sowie einen Weg sehen, ihre Lebens- und Berufsplanung in Einklang mit der zeitaufwändigen Rehabilitation ihres Kindes zu bringen. So sind die Eltern am besten in der Lage, ihrem Kind die wichtige Unterstützung zu geben, die es benötigt.

Es ist wichtig, dass Kinder eine voll funktionsfähige Sprache erwerben, d.h. eine grammatikalisierte Sprache mit ausreichendem Wortschatz. Ohne eine solche Sprache ist die Denkentwicklung gefährdet. Bei Kindern mit CI wird in Deutschland in der Regel ausschließlich die Lautsprache angestrebt. Eine Reihe von Ländern praktiziert jedoch den Erwerb von Laut- und Gebärdensprache. Auf diese Art wird vermieden, dass ein Kind ohne funktionale Sprache bleibt, sollte der Erwerb der Lautsprache nicht in Gang kommen. Die in Deutschland verbreitete Meinung, dass der Lautspracherwerb gefährdet ist, wenn Kinder gebärden, entspricht nicht den Tatsachen. Wie die sprachlichen Fortschritte hörgeschädigter Kinder in anderen Ländern zeigen, sind Kinder sehr wohl fähig, zweisprachig mit Gebärden- und Lautsprache aufzuwachsen. Der Erwerb der Gebärdensprache kann sogar den Lautspracherwerb fördern.

Ebenso wie die Lautsprache bietet die Gebärdensprache die Möglichkeit, eine erste Sprache aufzubauen. Auch der Gebärdenspracherwerb sollte dann so rechtzeitig geschehen, dass die sensible Phase für sprachliches Lernen genutzt und die Denkentwicklung nicht verzögert wird. Die Lautsprache kann später als zweite Sprache gelernt werden. Kinder mit CI können durch eine Zweisprachigkeit nichts verlieren, nur etwas gewinnen.

 

Literatur:
Szagun, G. (2010): Sprachentwicklung bei Kindern mit Cochlea-Implantat: ein Elternratgeber (Überarbeitung der Broschüre von 2006). Online verfügbar unter www.giselaszagun.com/de/CI_Broschuere_2010.pdf

Verfasserin:
Prof. Dr. Gisela Szagun studierte Psychologie an der London School of Economics, University of London. Nach ihrer Habilitation an der Technischen Universität Berlin war sie Professorin für Entwicklungspsychologie an der Universität Oldenburg. Seit 2008 ist sie Honorary Visiting Emeritus Professor am University College London. Ihr Forschungsgebiet ist Spracherwerb bei Kindern mit typischer Entwicklung und bei Kindern mit CI.

 

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Fotos: H. Christ

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