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Zum Einfluss von Gebärdensprache auf die psychosoziale und emotionale Entwicklung von gehörlosen Kindern

Simon Kollien

Die Interaktion zwischen Eltern und ihrem gehörlosen oder schwerhörigen Kind ist nicht immer einfach. Es sind Situationen wie die im Folgenden dargestellte, welche die Ohnmacht und Hilflosigkeit von Eltern gegenüber ihrem gehörlosen Kind verdeutlichen:

Bei einer Geburtstagsfeier spielt das Kleinkind mit einem Luftballon und ist ganz begeistert von der ungewohnten Erfahrung mit dem scheinbar leichten und ungefährlichen Spielzeug. Im Übermut passiert es dann, dass der Ballon auf einmal platzt. Die plötzliche Ausnahmesituation durch den verschwundenen Ballon, vielleicht der körperliche Schmerz und der Schreck erfordern in der Verarbeitung und dem Verstehenwollen des Geschehens eine hohe kognitive Leistung durch das Kind und zugleich Beistand durch seine Bezugspersonen. Das Kind kann vielleicht noch realisieren, dass die Gummifetzen in seinen Händen die Reste des Ballons sind, dass also etwas passiert ist, was den Zustand des Ballons verändert haben muss. Dass der Grund für das Platzen nicht nachvollziehbar ist und der Schmerz an den Händen lassen das Kind schreien und weinen, wodurch die Umwelt zu Hilfe gerufen und Schutz bzw. Aufklärung eingefordert wird. Die Eltern werden das Kind trösten und versuchen, ihm zu vermitteln, was geschehen ist. Eltern gehörloser Kinder sehen sich dabei häufig einer kommunikativen Hilflosigkeit ausgesetzt, weil das Kind ihren Erklärungen nicht folgen kann – sofern sie in gesprochener Sprache erfolgen. Daher gelingt es den Eltern nicht, ihrem Kind nachvollziehbar zu erklären, warum der Ballon geplatzt ist und wie man mit ihm umgehen muss, damit er nicht platzt.

Jedes Kind ist in seiner Entwicklung besonders auf die Beziehungen zu seinen Bezugspersonen und eine funktionierende Kommunikation angewiesen. Nur so kann es seine Umwelt angemessen verarbeiten und einordnen. Und nur dadurch kann es diese mit weniger Angst und Verunsicherung erschließen, um letztendlich als selbstständiges Wesen mit einer gesunden Portion Selbstvertrauen verschiedenste Situationen zu bewältigen.

Im Laufe seiner Entwicklung wechselt ein Kind zwischen unterschiedlichen Interaktionssystemen z.B. vom Interaktionssystem „Familie“ (Eltern und Geschwister) in das Interaktionssystem „Kindergarten“ (ErzieherInnen und andere Kinder). Jedes Interaktionssystem erfordert unterschiedliche kognitive Leistungen und kommunikative Kompetenzen. In seinem Modell der menschlichen Entwicklung verdeutlicht der Entwicklungstheoretiker Urie Bronfenbrenner verschiedene Einflussfaktoren der sozialen Umwelt auf verschiedenen Ebenen. Mikrosysteme umfassen hierbei die unmittelbaren Beziehungen des Kindes z.B. in der Familie, im Kindergarten, in der Schule und später im Berufsleben. Sie bilden in ihrer Gesamtheit – als Interaktions- und Beziehungsgeflecht zwischen einzelnen Menschen und ihrer Umwelt – ein so genanntes Mesosystem. Auf die soziale Erfahrungswelt des Einzelnen nehmen zusätzlich so genannte Exosysteme Einfluss. Exosysteme umfassen Beziehungen, die indirekt auf das Kind einwirken, wie z.B. die Beziehungen des Vaters oder der Mutter am Arbeitsplatz. Die Gesamtheit aller Beziehungen in einer Gesellschaft mit ihren Normen, Werten und Konventionen bezeichnet Bronfenbrenner als Makrosystem, welches ebenfalls Einfluss auf die psychosoziale Entwicklung des Menschen hat. All dies wird in einer auditiv dominierten Umwelt vorwiegend in gesprochener Sprache vermittelt und gesteuert.

Gehörlose oder schwerhörige Kinder verfügen nicht oder nur eingeschränkt über jenen Sinn, der ihnen die Interaktion in den jeweiligen Systemen ermöglicht. Umgekehrt haben diese Systeme für gehörlose Kinder kaum angemessene Kommunikationsalternativen anzubieten, die sie für eine „normale“ Entwicklung nutzen könnten. Diese Kinder sind stärker auf visuell ausgerichtete Interaktionsformen angewiesen, um sich altersgemäß entwickeln, die Interaktion in den Systemen bewältigen und damit die eigene Identität in der Gesellschaft finden zu können. Überträgt man diese Erkenntnis auf das zu Beginn beschriebene Beispiel mit dem Luftballon, würde das bedeuten, dass die Bezugspersonen auf die Schreckreaktion eines gehörlosen Kindes statt mit kommunikativer Hilflosigkeit mit Interaktionsformen reagieren könnte, die dem Kind das Begreifen des Ereignisses ermöglichen. In diesem Fall wären das neben einer Trost spendenden Umarmung vorrangig visuelle Informationen, welche die Zusammenhänge zwischen dem Grund des Platzens, dem Schmerz an den Händen und den Eigenschaften eines Ballons erläutern. So fühlt sich das Kind der Umwelt nicht mehr hilflos ausgeliefert. Es kann seine Gedanken, Gefühle und Ängste besser einordnen und so eine stabilere Identität entwickeln.

Modell der Ökologie der menschlichen Entwicklung nach Bronfenbrenner. Grafik: Erik  Körschenhausen.

Bronfenbrenner hat die Bedeutung der sozialen Umwelt für die Entwicklung des Kindes hervorgehoben. Das Kind ist den Interaktionen nicht hilflos ausgeliefert, sondern gestaltet seine Beziehungen aktiv mit und macht so seine eigenen Erfahrungen mit der Wirkung seines Verhaltens. Dazu braucht ein gehörloses Kind jedoch schon zu einem möglichst frühen Zeitpunkt visuelle Kommunikationsmittel. Die Gebärdensprache als komplexes Sprachsystem ermöglicht es ihm, sich auszudrücken und eigene Gedanken und Gefühle zu formulieren. In der visuellen Kommunikation klappt der Austausch viel besser als es die eingeschränkt zugängliche gesprochene Sprache ermöglicht. So kann das Kind durch die Mitgestaltung der Interaktion kognitive und emotionale Strukturen in hochdifferenzierter Weise und damit letztendlich eine stabile Identität ausbilden, wie es sonst auch hörende Kinder mittels gesprochener Sprache vermögen. Das legen auch Untersuchungen zur Identität Gehörloser nahe.

Ist der Austausch einzig darauf ausgerichtet, mittels gesprochener Sprache und über das Lippenlesen zu kommunizieren, besteht die Gefahr, dass die Entwicklungsmöglichkeiten nicht optimal genutzt werden können, weil das Kind auf kognitiver Ebene nur teilweise begreifen lernt. Dadurch können unter anderem Identitätsdiffusionen aufgrund der Unsicherheiten im eigenen Handeln bzw. Orientierungslosigkeit auftreten, wie es Beobachtungen in der klinischen Psychologie immer wieder zeigen. Aus diesem Grund ist es unerlässlich, dem gehörlosen Kind möglichst alle Interaktionsformen anzubieten, in erster Linie in visueller Form, da seine Hörfähigkeit immer eingeschränkt und von technischen Mitteln abhängig bleibt. So kann eine gute Ausgangslage für die weitere psychosoziale und emotionale Entwicklung geschaffen werden.
Dass Eltern und andere Bezugspersonen sehr wohl in der Lage sind, solche Interaktionsformen spontan und intuitiv zu entwickeln, konnte ich z.B. einmal in einem Cochlea-Implantat-Zentrum beobachten: Ein Großvater versuchte seinem Enkel zuerst nur in gesprochener Sprache zu erklären, dass er seinen Keks doch mit einem anderen Kind teilen und nicht egoistisch sein solle. Das Kind reagierte mit Unverständnis. Daraufhin spielte der Großvater pantomimisch vor, welche Freude das Teilen des Kekses bei dem anderen Kind erzeugte. Der Enkel teilte daraufhin seinen Keks, weil er begreifen konnte, was der Großvater vermitteln wollte. Hieran zeigt sich, dass Kinder so auch sozial erwünschtes und moralisches Handeln lernen können.

Seit jeher angeführte Befürchtungen, der Erwerb der Gebärdensprache könnte zu einer Hemmung oder gar fehlgeleiteten psychosozialen, emotionalen, kognitiven und sprachlichen (auch lautsprachlichen) Entwicklung führen, sind längst überholt. Heute gebärden auch viele Eltern mit ihren hörenden Babys, um bei ihnen eine multisensorische und frühere sprachliche Entwicklung zu fördern. Warum sollte also der Erwerb der Gebärdensprache neben der Lautsprache gehörlosen Kindern vorenthalten bleiben, wenn doch heutzutage die Gesellschaft gegenüber der Gebärdensprache allgemein viel positiver eingestellt ist und gebärdende Menschen nicht länger mit dem Stigma „geistig eingeschränkt“ in Verbindung gebracht werden? Wir leben in einer Zeit, in der immer mehr Menschen aufgeschlossen sind gegenüber Behinderungen aller Art und wo über das Konzept der „Diversity“ als zukünftiges Modell des Zusammenlebens diskutiert wird.

Gehörlose Kinder müssen die Chance bekommen, an dieser gesellschaftlichen Entwicklung teilzuhaben, die zunehmend offener gegenüber der Gebärdensprache wird, und ihren eigenen Platz als gehörlose Personen in der Gesellschaft finden, unter anderem in Form einer stabilen eigenen Identität. Darüber hinaus ist durch viele Untersuchungen inzwischen belegt, dass der Erwerb der Gebärdensprache als Basissprache auch den Zugang zur Lautsprache wesentlich erleichtert und fördert. Zwar können sprachliche Interferenzen (fehlerhafte Übertragungen) auftreten, wie sie beim Lernen von unterschiedlichen Sprachen üblich sind. Jedoch sind sie eine natürliche Erscheinung, die sich im Verlauf der weiteren sprachlichen Entwicklung wieder legt. Lautsprach-erwerb und Gebärdensprache beeinflussen sich somit nicht negativ, sondern ergänzen sich wunderbar – wie auch andere Sprachen – und wirken sich positiv auf kognitiver Ebene aus. Kognitive Entwicklung geschieht nicht alleine durch Lautsprache, wie es die Befürworter des Cochlea-Implantates oft darstellen. Neurologische und psychologische Untersuchungen haben ergeben, dass Gebärdensprachen genauso wie Lautsprachen gleichwertige Leistungen in der kognitiven Verarbeitung von Informationen und sprachlichem Input erbringen. In einigen Bereichen, z.B. dem visuell-räumlichen Denken, wird die Entwicklung durch Gebärdensprache sogar stärker gefördert.

An dieser Stelle darf nicht vergessen werden, dass Sprache neben der reinen Wissensvermittlung verschiedene Funktionen hat: so unter anderem auch die der so genannten affekt-bezogenen Regulierung, die z.B. für das Geben von Anweisungen und zur Steuerung von Handlungen verantwortlich ist. Diese sprachlichen Funktionen gestalten Beziehungen in grundlegender Weise mit und haben somit wichtige psychosoziale Auswirkungen. Sie müssen in der Interaktion mit der Umwelt erlernt werden, was nur mit einem funktionierenden und verlässlichen Sprachsystem möglich ist.

Bei all den Aspekten zur psychosozialen Entwicklung müssen auch spätere Entwicklungsabschnitte des Kindes in Betracht gezogen werden, die für Eltern kurz nach einer Diagnose vielleicht noch in allzu ferner Zukunft liegen mögen. Gehörlose bzw. schwerhörige Studierende oder Auszubildende berichten häufig davon, dass sie schnell ins Hintertreffen geraten und entmutigt sind, wenn sie in neue Mikrosysteme (z.B. Berufsschule oder Universität) einsteigen und plötzlich intensiven Kommunikationssituationen ausgesetzt sind. Auch wenn sie es bisher schafften – egal ob mit oder ohne Cochlea-Implantat oder Hörgeräte – ohne Gebärdensprache auszukommen und im jeweiligen Mikrosystem lautsprachlich zu kommunizieren, stellt der Übergang von einem in ein anderes System häufig eine kommunikative Überforderung dar. Hier kann oft kaum Rücksicht auf ihre Hörbeeinträchtigung genommen werden. Die Verzweiflung bzw. Unsicherheiten führen häufig – zumal in einer wichtigen Phase des Erwachsenwerdens – zu einschneidenden Brüchen in der Identitätsentwicklung bei dem Versuch, in der Gesellschaft Fuß zu fassen. Zweisprachig aufgewachsene KommilitonInnen, die sowohl in geschriebener Sprache als auch in der gebärdensprachlichen Kommunikation sicher sind, können hingegen den Service von GebärdensprachdolmetscherInnen nutzen und dadurch dem Unterricht problemlos folgen und sich aktiv einbringen. So haben sie günstige Voraussetzungen, um ihre Ausbildung erfolgreich abzuschließen. Gerade die Verwendung von Gebärdensprache bzw. DolmetscherInnen bedeutet daher nicht ausschließlich Abhängigkeit von ihnen, sondern sie sind Mittel zur Selbstständigkeit von gehörlosen bzw. schwerhörigen Menschen im Makrosystem.

Eine spätere psychosoziale Belastung lässt sich vermeiden, wenn gegenüber der Gebärdensprache von Anfang an eine positive Haltung besteht und die belegten positiven Effekte in den Interaktionen von gehörlosen und schwerhörigen Kindern mit dem jeweiligen Mikrosystem auch in der eigenen Familie ermöglicht werden. Eine negative Haltung gegenüber der Gebärdensprache für die Entwicklung eines gehörlosen Kindes ist auch daher hinderlich, weil so seiner visuellen Orientierung nicht entsprochen wird. Es wird sogar seines Entwicklungspotentials in verschiedenen psychologischen Bereichen beraubt, das es über den visuellen Kanal nutzen könnte. Eine solche Haltung zeigt nur, dass man sich nicht auf die Gehörlosigkeit des Kindes und seine speziellen Bedürfnisse einlassen möchte, denn Gebärdensprache zu verstecken heißt, die Gehörlosigkeit des Kindes zu verstecken. Diese Haltung könnte das Kind auch auf unbewusste Weise übernehmen und verinnerlichen, was es ihm später wiederum schwer machen könnte, seine eigene Identität in der Welt der hörenden und gehörlosen Menschen zu finden und ein starkes Selbstbewusstsein zu entwickeln.

Für eine stabile Identitätsentwicklung und die psychische Gesundheit ist es sehr wichtig, dass das Kind lernt, mit seinem fehlenden bzw. eingeschränkten Hörvermögen zu leben und die ihm von der Gesellschaft gestellten Ressourcen wie Gebärdensprachdolmetscher, Untertitel oder moderne Kommunikationssysteme (z.B. im Internet) für die eigene Selbständigkeit zu nutzen, die bereits zur Verfügung stehen.

Es wäre mühsam das Rad der visuellen Kommunikation in jeder Familie mit einem gehörlosen Kind jeweils neu zu erfinden: Deshalb ist es unerlässlich, auch in der Frühförderung jeder Familie Mittel zur Verfügung zu stellen, die die Eltern in die Lage versetzen, diese zunächst ungewohnten Kommunikationsformen zu erwerben und anzuwenden. Das Modellprojekt „GIB ZEIT e.V.“ in Nordrhein-Westfalen kann in diesem Zusammenhang als Vorbild genannt werden. Dort geben neben hörenden auch gehörlose und schwerhörige Erwachsene Eltern Hilfestellung beim Aufbau der familiären Kommunikation und berücksichtigen dabei die individuellen Bedürfnisse des Kindes. Aus den Erfahrungsberichten der Eltern sprechen intensive Gefühle der Entlastung und Erleichterung: Wenn nach dem täglichen Frust und der Verzweiflung aufgrund der unzureichenden Eltern-Kind-Kommunikation endlich der Austausch in der Familie unter kommunikativ-natürlichen Voraussetzungen starten kann.

 

Literatur und Links:
Ahrbeck, B. (1992): Gehörlosigkeit und Identität.
Bronfenbrenner, U. (1981): Die Ökologie der menschlichen Entwicklung: natürliche und geplante Experimente.
GIB ZEIT e.V.: www.gibzeit.de

Verfasser:
Simon Kollien ist ausgebildeter Diplom-Psychologe mit dem Nebenfach Gebärdensprachen. Er ist seit 1995 am Institut für Deutsche Gebärdensprache und Kommunikation Gehörloser, Universität Hamburg, als Lehrkraft für besondere Aufgaben tätig. Neben der Gebärdensprachlehre und -forschung vermittelt er in den Deaf Studies auch Psychosoziale Aspekte zum Leben gehörloser Menschen.

 

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Grafik: E. Körschenhausen

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