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Wundermittel CI? – Immer kommunikationsfähig durch Zweisprachigkeit

Katrin Bentele

Kind mit RegenschirmDas Cochlea-Implantat (CI) bei gehörlosen Kleinkindern ist aus verschiedenen Gründen umstritten. Ja, es kann ein wertvolles Hilfsmittel in einer hörenden Welt sein und es kann helfen, sich besser zu orientieren. Im besten Falle kann das CI den Lautspracherwerb positiv unterstützen und zu einem recht guten Sprachverstehen führen. Aber nein, ein normaler Höreindruck, wie ihn ein hörend geborenes Kind wahrnimmt, kann auch durch ein CI nicht erzeugt werden. Wie sehr ein Kind von einem CI profitieren wird, ist nicht vorhersagbar. Häufig sind dennoch sehr hohe Erwartungen mit einer Implantation verbunden, die nicht immer erfüllt werden. Eigene und fremde Erwartungen werden mit der oft unerwarteten Realität konfrontiert, wenn das Ergebnis der Implantation hinter den Wunschvorstellungen zurückbleibt. Daher ist es wichtig, sich in Ruhe  mit den verschiedenen Gründen zu befassen und von einer Entscheidung für ein CI keine Wunder zu erwarten.

Aber auch wenn alles so gut wie möglich geht, bleibt ein Kind mit CI schwerhörig. Ein eventuell vorhandener Hörrest geht durch die Implantation eines CIs unwiederbringlich verloren. Zudem gibt es Situationen, in denen das CI ausfallen kann oder abgeschaltet werden muss, wie zum Beispiel beim Schwimmen oder Duschen. In diesen Fällen ist das implantierte Kind zeitweise vollkommen gehörlos. Auch die Kommunikation in großen Gruppen kann sehr schwierig sein. In diesen Situationen ist ein Kind mit CI auf andere Kommunikationsmöglichkeiten angewiesen, um sich nicht einer totalen Hilflosigkeit ausgesetzt zu sehen. Hier kann die Gebärdensprache Unterstützung bieten. Die Gebärdensprache hat eine große Bedeutung für die Entwicklung und den Spracherwerb eines gehörlosen Kindes, wie in den vorangehenden Beiträgen deutlich wurde. Sie ermöglicht darüber hinaus, in jeder Situation kommunizieren zu können und dadurch die Grenzen des CIs zu überwinden. Die Zweisprachigkeit vermittelt damit eine Sicherheit, die das Selbstbewusstsein sowie die soziale Kompetenz des Kindes stärken kann.

Ein weiterer Aspekt ist, dass dem Kind über die Gebärdensprache auch eine zweite Kultur zugänglich wird: Gebärdensprachpoesie und -theater, die Lebenskultur der gebärdenden Gehörlosengemeinschaft, das Geschenk einer zweiten Sprache. Diese Sprache kann das Kind nutzen, ohne an die Grenzen des eigenen Körpers zu stoßen, die sonst immer wieder mühsam überwunden werden müssen.

Das CI ist ein Hilfsmittel auf der Ebene der Hörschädigung. Es stellt aber keine Hilfe für den Umgang mit der Hörbehinderung dar, die auch nach der Implantation besteht, oder für die Bewältigung der neuen, ungewohnten Situation des Hörens und der damit verbundenen Erwartungen. Umso wichtiger ist es, realistisch mit den Möglichkeiten des CIs umzugehen, sich der Grenzen bewusst zu sein, die die Technik hat, und Rahmenbedingungen zu schaffen, die zu einem gelingenden Umgang mit der Hörbehinderung beitragen. Ein wesentliches Element ist ein bilingualer Ansatz in der Rehabilitation nach der Implantation und damit die Einbeziehung der Gebärdensprache.

 

Verfasserin:
Dr. Katrin Bentele ist Ethikerin und arbeitet als wissenschaftliche Referentin in der Geschäftsstelle des Deutschen Ethikrats in Berlin. Sie ist assoziiertes Mitglied des Internationalen Zentrums für Ethik in den Wissenschaften der Universität Tübingen und Lehrbeauftragte an der Katholischen Hochschule für Sozialwesen Berlin.

 

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Foto: M. Brichta/characterfotos.de

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