Achtung, öffnet in einem neuen Fenster. DruckenE-Mail

Gehörlosengemeinschaft und Gehörlosenkultur

Wille Felix Zante

GehörlosenkulturDie Gemeinschaft der Gehörlosen hat eine ganz eigene Dynamik und sie ist untereinander stark vernetzt. Meist herrscht ein reger Austausch zwischen Gehörlosen aus allen Ecken des Landes – und das nicht nur innerhalb Deutschlands. Grundlage dieser Gemeinschaft ist ihre gemeinsame Sprache, in der Gehörlose ideal kommunizieren können: die Gebärdensprache. Innerhalb dieser Sprachgemeinschaft gibt es bestimmte Konventionen, spezielle Formen der Kommunikation und auch etwas, das man als eine eigene Kultur bezeichnen kann. Diese Gehörlosenkultur beinhaltet eine Vielzahl an Ausdrucksformen: Es gibt Theatergruppen, die eigene Stücke aufführen, Organisationsteams finden sich zusammen, um Gebärdensprachfestivals zu organisieren, und auch Sportvereine und Clubheime spielen eine große Rolle.

Gehörlose bilden in der hörenden Gesellschaft eine sprachliche Minderheit. Aus dieser Perspektive betrachtet gibt es einen zentralen Unterschied zwischen Gehörlosen und anderen Minderheiten, wie zum Beispiel Frauen, Lesben, Schwulen, Migranten, Rollstuhlfahrern, Blinden – denn sie alle können ohne weiteres auf Konzerte, ins Theater, in beliebige Kinos gehen, sie können in Kneipen, auf der Straße oder bei der Arbeit neue Bekanntschaften schließen. Prinzipiell ist man als Teil dieser Minderheiten nicht auf andere Mitglieder der eigenen Minderheit angewiesen, wenn man sich austauschen will, da man auf ein gemeinsames Kommunikationssystem zurückgreifen kann.

Das ist für Gehörlose anders. Sie bewegen sich oft in den immer gleichen Cliquen, nur selten werden diese festen Muster aufgebrochen. Ähnliches gilt für die sonstige Freizeitgestaltung. An Konzerte oder Theater für Hörende ist kaum zu denken und Filme im Kino sind nur in den seltensten Fällen untertitelt. In Kneipen verkehren hauptsächlich Hörende, auf der Straße ebenso. Bei der Arbeit ist man oft der einzige Gehörlose und stößt häufig auf kommunikative Barrieren. Das ist der Grund, aus dem die Gehörlosengemeinschaft für viele eine wichtige Rolle einnimmt und sich eine eigene Kultur der Gehörlosen herausgebildet hat. Nur hier kann man sich – durch die visuell zugängliche Gebärdensprache – völlig frei und ohne Hindernisse austauschen und es besteht die Möglichkeit gemeinsame Erfahrungen sowie eine gemeinsame Kultur zu (er)leben.

Dabei spielen Sportvereine und Theaterfestivals eine große Rolle. Früher dominierten vor allem die Sportvereine, weil es eben wenig andere kulturelle Angebote gab, außer vielleicht Abende, an denen man sich im Clubheim treffen konnte. Oft war beim Sport dann der Plausch untereinander wichtiger als der Sport selbst, gleiches galt für die Sportfeste, vom regionalen Wettbewerb bis zu großen internationalen Veranstaltungen wie beispielsweise der Olympiade der Gehörlosen, den „Deaflympics“. Kaum einer wird sich hier an die Wettbewerbe oder die Sieger erinnern, fast alles dreht sich um das Treffen und den Austausch der Sportler und Besucher untereinander. Das erklärt auch die dominante Rolle der sogenannten Gala-Abende, die bei keiner Veranstaltung fehlen dürfen, und auf denen oft vom frühen Abend bis spät am Morgen durchgefeiert und nonstop gebärdet wird.

Seit einigen Jahren gibt es immer mehr Theaterveranstaltungen, wie zum Beispiel das Gebärdensprachfestival in Berlin oder das Deutsche Gebärdensprachtheater Festival (DeGeTh) in München, die ebenfalls wichtige Treffpunkte für die Community darstellen. Auch hier spielen die aufgeführten Stücke nur eine Statistenrolle im Vergleich zum großen Plaudern im Festsaal oder im Publikum. Die seit 1993 stattfindenden Kulturtage der Gehörlosen bieten ebenfalls eine Vielfalt an Möglichkeiten der Information und des Austauschs und sind mittlerweile zu einer in der Gemeinschaft und darüber hinaus beliebten Großveranstaltung geworden. Sie stellen eine wichtige Plattform für den Austausch tausender gehörloser und auch hörender Besucher dar.

Internationaler Fachkongress Bildung durch Gebärdensprache 2010 in SaarbrückenEine neuere Entwicklung sind eigens auf Information und Weiterbildung ausgelegte Kongresse, wie beispielsweise der Bildungskongress, der 2010 in Saarbrücken stattgefunden hat, der erste Kongress zum Thema Bildung, welcher komplett in Gebärdensprache durchgeführt wurde. Außerdem findet im Herbst 2011 zum zweiten Mal das Jugendfestival der Deutschen Gehörlosen-Jugend statt. Hier gibt es die Möglichkeit für gehörlose Kinder und Jugendliche aus der ganzen Bundesrepublik, sich zu treffen, sich auszutauschen und auf Dutzenden von Workshops und Vorträgen über die verschiedensten Themen zu diskutieren.

Es herrscht in der Gehörlosengemeinschaft eben – wie es ein in der Gemeinschaft bekannter Kulturtheoretiker, Paddy Ladd, ausdrückte – eine „große Sehnsucht nach Information“. Das Informations- und Kommunikationsdefizit der Gehörlosen ist enorm, und es erklärt auch, warum die Inhalte (z.B. beim Theater) oder die Wettbewerbe (z.B. beim Sport) auf der Strecke bleiben – die Kommunikation, das “Plaudern“, ist einfach viel wichtiger, da seltener die Möglichkeit dazu besteht. Medaillen könnte man theoretisch auch bei der hörenden Olympiade gewinnen. Aber man könnte sich als Gehörloser unter Hörenden mit niemandem gemeinsam so darüber freuen und feiern, wie es unter Gleichsprachigen möglich ist.

Daher erklärt sich auch die immense Wertschätzung der Gebärdensprache, weil sie das einfachste und angenehmste, ja das natürlichste Mittel für Gehörlose ist, zu kommunizieren und sich so aus der Alltagsisolation zu befreien. Sport- und Kulturveranstaltungen sind da mit gutem Grund nur Mittel zum Zweck: Es will all das nachgeholt werden, was ansonsten fehlt, und das geht eben oft nur mit Gebärdensprache.

 

Links:
www.deaflympics.com
www.degeth.de
www.gehoerlosen-bund.de
www.gehoerlosen-jugend.de
www.gehoerlosen-kulturtage.de
www.goldene-hand.de
www.jugendfestival2.de

Verfasser:
Wille Felix Zante ist in Berlin geboren und aufgewachsen. Er ertaubte im Alter von drei Jahren und lernte er erst in der Oberstufe an der Schule in Essen die Gebärdensprache. Heute studiert er an der Universität Hamburg Gebärdensprachen und Amerikanistik. Er ist Mitglied im Organisationsteam für das Jugendfestival 2011.

 

Der komplette Artikel als PDF zum herunterladen .

Fotos: DGB, E. Körschenhausen

Zurück