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Von der Diagnose zur Frühförderung

Johannes Hennies

KindSeit 2009 gibt es überall in Deutschland das Neugeborenen-Hörscreening (G-BA 2008). Das bedeutet, dass alle Kinder direkt nach der Geburt auf ihr Hörvermögen getestet werden sollen. Dafür gibt es im Wesentlichen zwei Testmethoden:

a) Die Messung der „otoakustischen Emissionen“ (OAE) erfolgt meist direkt nach der Geburt. Dabei wird dem Säugling über einen kleinen Stöpsel, der ins Ohr gesteckt wird, ein akustischer Reiz angeboten. Das Gerät misst, ob es eine akustische Reaktion des Innenohrs gibt. Wenn das Ergebnis unauffällig ist, kann das Kind ohne Beeinträchtigungen hören. In den meisten Fällen gilt dies auch für diejenigen Kinder, deren Ergebnis auffällig ist. Deswegen muss zur Absicherung eine zweite Untersuchung vorgenommen werden. Auch sollten sich Eltern nach einem auffälligen Ergebnis im ersten Screening keine Sorgen machen, da es in über 95 Prozent der Fälle vorübergehende Gründe für das Ergebnis gibt (Fruchtwasser im Mittelohr o.ä.).

b) Eine sichere Diagnose ermöglicht erst eine Hirnstammaudiometrie (Brainstem Electric Response Audiometry, kurz BERA): Dabei wird mit Elektroden gemessen, ob tatsächlich ein akustischer Reiz im Gehirn registriert wird. Für diese Untersuchung muss das Kind ganz ruhig liegen, weshalb es unter Umständen leicht sediert wird, d.h. ein leichtes Schlafmittel bekommt. Deswegen wird diese Untersuchung am besten in einer Spezialklinik durchgeführt. Die BERA wird im Rahmen des Neugeborenen-Hörscreenings bereits in den ersten Lebensmonaten vorgenommen. Nach der BERA steht sicher fest, ob bei einem Kind eine Beeinträchtigung des Hörens vorliegt. Sie wird daher auch von den meisten Eltern als Zeitpunkt der Diagnose wahrgenommen. Außerdem wird durch diese Methode festgestellt, wie hoch der Hörverlust des Kindes in etwa ist (gemessen in Dezibel – dB (HL)).

Häufigkeit einer kindlichen Hörstörung

Es gibt auf 1000 Geburten in Deutschland etwa ein bis zwei Kinder, die mit einer Hörbeeinträchtigung zur Welt kommen, d.h. mit einem beidseitigen Hörverlust von mindestens 35 dB auf dem besseren Ohr. Von diesen Kindern werden ca. 40 Prozent taub geboren, d.h. mit einem Hörverlust von 90 dB oder mehr. Die professionelle Beratung und Betreuung hörgeschädigter Kinder lässt sich in zwei Bereiche unterteilen: Einerseits gibt es die medizinisch-technischen Maßnahmen und anderseits die pädagogische Frühförderung. Diese beiden Bereiche werden üblicherweise von verschiedenen Berufsgruppen vertreten, die im Idealfall vertrauensvoll zusammenarbeiten sollten.

Medizinisch-technische Maßnahmen

Was die medizinisch-technische Versorgung betrifft, werden Kinder heute in der Regel schnell mit Hörgeräten versorgt, d.h. im Alter von drei bis vier Monaten. Außerdem werden Eltern bereits sehr früh über die Möglichkeiten einer Cochlea-Implantation informiert, die aber üblicherweise nicht vor dem ersten Lebensjahr durchgeführt wird. Gelegentlich wird von Fachärzten die Meinung geäußert, je früher das Implantationsalter liege, desto besser sei die Sprachentwicklung (z.B. Laszig et al. 2009), womit auch ein Trend verbunden ist, zunehmend vor dem Alter von zwölf Monaten zu implantieren. Nach derzeitigem Wissensstand lässt sich aber nicht belegen, dass eine so frühe Implantation tatsächlich deutliche Vorteile bringt. Es finden sich vielmehr Hinweise darauf, dass Kinder, die innerhalb der ersten zwei Jahre implantiert worden sind, eine etwas bessere Entwicklung der Hör- und Lautsprachentwicklung durchlaufen als später implantierte (vgl. Szagun S. 40 in diesem Ratgeber). Es gibt viele Kinder, die von ihrem Cochlea-Implantat (CI) stark profitieren. In allen Gruppen von Kindern mit CI findet sich aber auch ein großer Anteil, bei dem der Lautspracherwerb nicht altersgemäß verläuft und z.T. stark gestört bleibt. Für ein einzelnes Kind kann nicht verlässlich vorhergesagt werden, ob es die Lautsprache mit einem CI erfolgreich erwerben wird. Deswegen sollten Eltern die Entscheidung für oder gegen ein Implantat in Ruhe abwägen und sich nicht unter einen zeitlichen Druck setzen (lassen).

Pädagogische Frühförderung

Eltern sollten neben einer ärztlichen Beratung auf jeden Fall Kontakt zu Frühförderstellen aufnehmen.In vielen Regionen Deutschlands verweisen die Fachärzte Eltern nach der Diagnose an Frühförderstellen. Eltern sollten neben einer ärztlichen Beratung, wie sie in Fachkliniken oder CI-Zentren angeboten wird, auf jeden Fall Kontakt zu Frühförderstellen aufnehmen. Zumeist sind diese an Hörgeschädigtenschulen oder eigenständigen pädagogisch-audiologischen Beratungsstellen angegliedert. Die Aufgabe der Frühförderung besteht in der Elternbegleitung und -beratung, insbesondere in der emotional schwierigen Situation nach der Diagnose. Außerdem bietet sie eine gezielte Förderung der Kinder an. Während dies in den ersten Lebensjahren eine Einzelförderung ist, steht in den späteren Jahren die Förderung in Kleingruppen im Mittelpunkt. Gelegentlich sind Frühfördereinrichtungen auch direkt an CI-Zentren angegliedert oder im selben Gebäude angesiedelt. Dies mag einerseits Vorteile haben, wenn eine Implantation geplant ist und eine enge Zusammenarbeit von Frühförderung und CI-Team geboten ist. Auf der anderen Seite besteht die Gefahr einer einseitigen Beratung. Eltern haben jedoch ein Recht auf unabhängige und alle Möglichkeiten umfassende Beratung und sollten diese auch einfordern.

Methoden der Frühförderung

Traditionell ist die Frühförderung in Deutschland nahezu ausschließlich auf die Vermittlung der Lautsprache ausgerichtet. Erst in den letzten Jahren gibt es eine zunehmende Offenheit gegenüber alternativen Frühförderkonzepten, die auch Deutsche Gebärdensprache (DGS) oder (lautsprachbegleitende) Gebärden einbeziehen (Hennies 2010). Es gibt derzeit keinen Beleg dafür, dass sich die Gebärdensprache und die Lautsprache im Erwerb stören (Günther et al. 2009). Auch muss ein bestimmter Hörstatus (verbunden mit einer bestimmten medizinisch-technischen Versorgung) nicht zwangsläufig zu einer Methode in der Frühförderung führen: So gibt es Kinder mit einem CI, die sowohl in der deutschen Lautsprache als auch in DGS gefördert werden. Dies schadet der sprachlichen Entwicklung des Kindes nicht, sondern es bestehen sogar Hinweise darauf, dass ein früher Einsatz der DGS auch der Lautsprachentwicklung hilft. Auch hat es immer hochgradig hörgeschädigte Kinder gegeben, die ohne Gebärden(sprache) gefördert worden sind und in die Lautsprache gefunden haben. Ist jedoch eine rein lautsprachliche Förderung nicht erfolgreich, besteht die Gefahr, dass hochgradig hörgeschädigte Kinder ohne funktionierendes Sprachsystem aufwachsen.

a) Hörgerichtete Förderung
Hörgerichtete Förderung konzentriert sich auf die – durch Hörgeräte oder CI(s) – verstärkten Hörreste eines Kindes, über die ein natürlicher Erwerb der Lautsprache angestrebt wird (auch: aurale oder auditiv-verbale Förderung). Gebärden oder Gebärdensprache werden in der herkömmlichen hörgerichteten Frühförderung abgelehnt, weil sie als nachteilig für die Lautsprachentwicklung oder als unnötig angesehen werden. Mittlerweile gibt es aber zunehmend Förderansätze, die sich zwar primär einem lautsprachlichen Ansatz zuordnen, aber auch für gebärdenunterstützte Maßnahmen offen sind.

b) Förderung in Lautsprache mit begleitenden Gebärden
Wenn es im Zuge von Frühförderangeboten ein Angebot mit Gebärden gibt, werden diese zumeist lautsprachbegleitend eingesetzt. In diesem Zusammenhang sind auch die Babygebärden-Kurse (Babysigns) von Interesse, die zumeist von Eltern  hörender Kinder genutzt werden, um noch vor dem Erwerb der ersten gesprochenen Wörter mit ihren Säuglingen zu kommunizieren. Wenn Eltern die Kommunikationsentwicklung ihrer hörgeschädigten Kinder auch mit Gebärden absichern wollen, könnten solche Kurse ein geeigneter Einstieg sein.

c) Bilinguale Förderung
Noch immer wird die DGS nur vereinzelt in die sprachliche Frühförderung eingebunden. Ist dies der Fall, handelt es sich um einen bilingualen, also zweisprachigen Frühförderansatz. Ein solcher Ansatz setzt den Kontakt zu kompetenten BenutzerInnen der DGS voraus (z.B. gehörloses und hörendes Frühförderpersonal). Es gibt Berichte über erfolgreiche bilinguale Frühförderung und internationale wissenschaftliche Untersuchungen, die einen solchen Ansatz unterstützen (Günther et al. 2009). Eine bilinguale Förderung lässt alle Wege zur Sprachentwicklung offen und stellt sicher, dass von Anfang an mindestens eine Sprache zur Verfügung steht.

Elternratgeber/Elternverbände

Es kann Eltern nach der Diagnose nur empfohlen werden, sich Informationen zu verschiedenen Förder- und Behandlungswegen einzuholen. Es liegen diverse Ratgeber vor (vgl. Literatur im Anhang dieses Ratgebers). Außerdem kann der Kontakt zu anderen Eltern, die eine ähnliche Situation erfahren, hilfreich sein, z.B. über Elternvereine. Zudem bieten die Vereine und Frühförderstellen häufig die Möglichkeit, mit erwachsenen Gehörlosen oder Schwerhörigen, die selbst Eltern sind, in Kontakt zu treten (vgl. Adressenverzeichnis im Anhang dieses Ratgebers).

Welche Förderung im Einzelnen gewählt wird, ist von dem Elternwunsch anhängig und kann nur im Familienzusammenhang entschieden werden. Wichtig ist, dass Eltern umfassend informiert und nicht von vorgeblichen Sach- und Zeitzwängen zu Entscheidungen gedrängt werden. Für jeden Frühförderprozess ist ein vertrauensvolles Verhältnis der Eltern zu den Förderpersonen notwendig. Außerdem sollte jeder Förderansatz immer wieder auf seinen Erfolg hin reflektiert werden und gegebenfalls über Alternativen nachgedacht werden. Dann ist es heute besser denn je möglich, jedem hörgeschädigten Kind von der Geburt an die Förderung zu ermöglichen, von der es in seiner Entwicklung am besten profitiert.

 

Literatur:
G-BA – Gemeinsamer Bundesausschuss (2008): Elterninformationen zur Früherkennungsuntersuchung von Hörstörungen bei Neugeborenen. Online verfügbar unter: www.g-ba.de/downloads/83-691-52/2008-06-19-Merkblatt-Neugeborenen-H%C3%B6rscreening.pdf.
Günther, Klaus-B.; Hänel-Faulhaber, B. & Hennies, J. (2009): „Bilinguale Frühförderung hochgradig hörgeschädigter Kinder – Entwicklungstheoretische Grundlagen und frühpädagogische Bildungspraxis“. In: Frühförderung Interdisziplinär 28:4, 179-186.
Hennies, J. (2010): „Frühförderung hörgeschädigter Kinder: ein aktueller Überblick“. In: hörgeschädigte kinder – erwachsene hörgeschädigte 47:3, 3-5.
Laszig, R.; Aschendorff, A.; Beck, R.; Schild, C.; Kröger, S.; Wesarg, T. & Arndt, S. (2009): „Langzeitergebnisse nach Kochleaimplantatversorgung bei Kindern.“ In: HNO 57:7, 657-662.

Verfasser:
Dr. Johannes Hennies hat an der Universität Hamburg Gebärdensprachen und Hörgeschädigtenpädagogik studiert und an der Humboldt-Universität zu Berlin im Fach Rehabilitationswissenschaften promoviert. Zurzeit ist er am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf und an der Universität Bremen als wissenschaftlicher Mitarbeiter tätig. Er ist zweiter Vorsitzender des Deutschen Fachverbands für Gehörlosen- und Schwerhörigenpädagogik e.V. (DFGS).

 

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Fotos: DGB/D. Blitz, DGB

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