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Frühförderung von Anfang an: Was kann ich selbst tun? Eltern und ihre hörgeschädigten Kinder spielen gemeinsam

Wiebke Gericke

Kommunikation ist die Nahrung für eine sichere emotionale Bindung.Nach der Diagnose einer Hörschädigung stellen sich Ihnen als Eltern vermutlich unerwartet viele Fragen. Vielleicht auch die Frage, wie Sie sich in Zukunft mit Ihrem Kind verständigen werden? Ich möchte Ihnen Möglichkeiten aufzeigen, wie Sie sich von Anfang an aktiv beteiligen können, so dass Kommunikation zwischen Ihnen und Ihrem Kind eine Selbstverständlichkeit wird.

Sie können Ihr Kind fördern, in dem Sie mit ihm im Alltag kommunizieren. Im Spiel und in der Beschäftigung miteinander braucht Ihr Kind Blickkontakt mit Ihnen, Ihre Aufmerksamkeit und Ihr Interesse an gemeinsamer Kommunikation. Kommunikation ist die Nahrung für eine sichere emotionale Bindung zu Ihnen, eine Grundlage, die jedes Kind braucht – egal, ob ein Kind hören kann oder eine Beeinträchtigung des Hörens festgestellt wurde.

Ich möchte Ihren Blick auf die Fähigkeiten lenken, die Ihr Kind hat und weniger darüber nachdenken, was Ihrem Kind vielleicht fehlt. Die Sprachentwicklung eines jeden Kindes beginnt nicht mit dem ersten Wort, sondern mit vielen Entwicklungsschritten, die sich bereits viel früher entfalten. Miteinander zu kommunizieren bedeutet im ersten Lebensjahr vor allem sich anzuschauen, verschiedene Gesichtsausdrücke zu zeigen und sich kennen zu lernen. Es bedeutet auch, mit den Händen zu zeigen und gemeinsam auf etwas zu schauen. Für Ihr Kind ist es schön, wenn Sie ganz bewusst Ihre Hände zum gemeinsamen Spielen dazu nehmen. Unsere Hände und die vielen Bewegungen, die sie machen können, sind sehr faszinierend für alle Kinder. Hände bewegen sich sichtbar. Hände können mit Gebärden auch sehr viel „sagen“. Wenn Sie bisher noch keinen Zugang zum Erlernen der Deutschen Gebärdensprache bekommen konnten, beginnen Sie mit Gesten und natürlichen Gebärden. Sicherlich fällt Ihnen eine Bewegung für „trinken“, „essen“ und „schlafen“ ein? Auch die Worte „Hände waschen“, „Zähne putzen“ sowie „Komm her“ oder „Stopp“ lassen sich durch typische Handbewegungen leicht zeigen. Bauen Sie Blickkontakt zu Ihrem Kind auf und geben Sie deutliche Hinweise über das, was in Ihrem Alltag passiert.

Wenn Sie mit Ihrem Kind gemeinsam die Aufmerksamkeit auf Dinge richten können und sich über das Gesehene mit den Händen und mit Ihrem Gesichtsausdruck austauschen können, so hat Ihr Kind eine wichtige Fähigkeit für die eigene Sprachentwicklung entfaltet. Sie können im ersten Lebensjahr jederzeit mit Ihrem hörgeschädigten Kind gleichzeitig sprechen und gebärden. Wichtig ist, dass es Ihnen um den ersten Geburtstag Ihres Kindes herum gelingt, in der Interaktion mit Ihrem Kind die Aufmerksamkeit auf dasselbe zu richten. Beispiel: Ein Vogel fliegt vorbei. Sie zeigen auf den Vogel, sie lachen und schauen sich fröhlich an. Oder: Ein großer Elefant ist im Bilderbuch abgebildet. Sie staunen mit einem „Ohhh“. Sie zeigen, wie groß und dick der Elefant ist. Sie schauen sich an und dann wieder zum Bild.

Mutter und KindSuchen Sie nach den Antworten Ihres Kindes. Auf welche Art und Weise „sagt“ es etwas? In den Blicken, dem Gesichtsausdruck, den Bewegungen Ihres Kindes – finden Sie die Antworten Ihres Kindes. Wiederholen Sie Aktivitäten, die Ihrem Kind Spaß machen: durchkitzeln, Mobile anschauen, auf dem Schoß hüpfen. Erkennen Sie, woran Ihr Kind Freude und Spaß hat? Folgen Sie den Interessen Ihres Kindes und kommunizieren Sie über das, was Ihr Kind spannend findet. Ihr Kind lernt Sie zu verstehen, wenn Sie Ihre eigene Mimik, Ihren Gesichtsausdruck verstärken. Über gemeinsames Anschauen und Zeigen, über Lachen und Bewegen, über Tragen und Schaukeln entsteht ein gemeinsamer, wichtiger Fokus.

Helfen Sie Ihrem Kind, sich im Spiel abzuwechseln. Warum? Weil es auch in der Kommunikation darum geht, abwechselnd zu kommunizieren. Kommunikation funktioniert nicht gleichzeitig und auch nicht alleine, sondern nacheinander im Wechsel. Sie können diese wichtige Fähigkeit, sich abzuwechseln, in viele alltägliche Situationen einbauen und somit „üben“. Bei Kindern ab 18 Monaten können Sie das Spiel „Einmal ich und einmal du“ einführen: Zeigen Sie dazu auf sich und auf Ihr Kind. Suchen Sie nach diesen kleinen Momenten, in denen Sie sich abwechseln können. Vielfältige Situationen im Alltag und im Spiel sind dafür geeignet. Zur Verdeutlichung ein Beispiel: Sie und Ihr Kind spielen gemeinsam mit einem Kuscheltier. Das Tier rutscht eine glatte Schräge hinab. Das macht Spaß! Es purzelt, rutscht oder fällt. Einmal dürfen Sie das Kuscheltier wieder an den Start setzen, dabei zeigen Sie auf sich: „Ich bin dran.“ Ihr Kind muss warten. Danach ist Ihr Kind dran und Sie zeigen auf Ihr Kind: „Du bist dran.“ Ein weiteres Beispiel: Sie können auch ein Aufziehspielzeug, z.B. ein Auto, benutzen. Ziehen Sie es auf und lassen Sie es fahren. Machen Sie eine Bewegung für „Auto“. Dann geben Sie es ihrem Kind. Ihr Kind ist dran.

Alles, was Sie Ihrem Kind an Möglichkeiten der Kommunikation anbieten, ist hilfreich für die sprachliche Entwicklung Ihres Kindes.Ergänzend können Sie Spiele für die Mundmotorik mit Ihrem Kind spielen. Sie machen Spaß und fördern die Atmung und die Beweglichkeit von Zunge und Lippen: Pusten Sie beispielsweise einen Wattebausch über den Tisch hin und her. Auch ein Spiel mit einem Strohhalm kann Spaß machen: pusten Sie hinein, sodass Wasser blubbert. Spielen Sie diese Spiele bewusst abwechselnd.

Alles, was Sie Ihrem Kind an Möglichkeiten der Kommunikation anbieten, ist hilfreich für die sprachliche Entwicklung Ihres Kindes. Falls Sie sich noch nicht entschieden haben, wie Sie in Zukunft mit Ihrem Kind kommunizieren werden: Sprechen Sie schon von Anfang an mit Ihren Händen und mit Ihrer Stimme, gleichzeitig, nacheinander – wie sie möchten. Hauptsache, sie nehmen Kontakt auf zu Ihrem Kind. Alles ist erlaubt, was Ihnen und Ihrem Kind gut tut, damit Sie sich gegenseitig verstehen lernen! Was passt zu Ihnen? Mögen Sie es Ihre Hände zu bewegen, um zu verdeutlichen, was Sie sagen möchten?

Suchen Sie für sich und Ihr Kind einen Weg der Kommunikation, den Ihr Kind verstehen kann! Ihrem Kind wird es helfen und es zufriedener machen, wenn es Sie versteht. Ihr Kind kann Sie verstehen lernen, wenn es Kommunikation zu „sehen“ gibt!

 

Literatur:
Gericke, W. (2009): babySignal – mit den Händchen sprechen. Spielerisch kommunizieren mit den Kleinsten.
Möller, D. & Spreen-Rauscher, M. (2009): Frühe Sprachintervention mit Eltern. Schritte in den Dialog.

Verfasserin:
Wiebke Gericke ist Diplom-Pädagogin und systemische Beraterin in Hamburg. Sie leitet die Frühförderstelle SprachSignal (www.sprachsignal.de) für hörende Kinder gehörloser Eltern. Außerdem gibt sie Kurse in babySignal, wo (hörende) Eltern mit ihren (hörenden) Kleinkindern alltägliche Gebärden lernen. Sie bildet bundesweit KursleiterInnen aus (www.babysignal.de).

 

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Fotos: DGB, DGB/D. Blitz, H. Christ

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