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Einblicke in die Geschichte der „Taubstummenbildung“

Bettina Herrmann

Die weltweit erste Gehörlosenschule gründete 1771 der Pfarrer Abbé de l’Epée in Paris. Um zu verstehen, weshalb in Deutschland mehrere Jahrhunderte lang fast ausschließlich die sogenannte „orale“, d.h. rein lautsprachlich ausgerichtete Erziehung im Unterricht von tauben Kindern Anwendung fand und der Einsatz von Gebärdensprache bis heute an Schulen für Hörbehinderte keineswegs selbstverständlich ist, ist ein Blick in die Geschichte notwendig. Daher soll hier auch ein kurzer historischer Überblick seinen Platz finden.

Sprachgeschichtlich ist das Wort taub verwandt mit doof, stumm mit stammeln bzw. sogar mit dumm. Darin spiegelt sich eine Sichtweise auf Gehörlosigkeit wider, die mehrere Jahrhunderte lang verbreitet war: Eine Hör- und Sprachbehinderung wurde als Strafe Gottes angesehen, „Taubstumme“ als Idioten und Schwachsinnige diffamiert und teilweise sogar mit Tieren gleichgesetzt.

Allerdings sind Zeugnisse von Gehörlosen, die lesen und schreiben konnten, zu allen Zeiten überliefert. In aristokratischen Familien wurden gehörlose Kinder durch Privatlehrer unterrichtet, meist über die Schrift, aber durchaus auch in Gebärdensprache. Die ersten dokumentierten Versuche eines Unterrichts gehörloser Kindern sind in vielen Fällen auf eine religiöse Motivation zurückzuführen. Dadurch sollten die Seelen gehörloser Menschen gerettet werden. Die älteste Überlieferung in Deutschland berichtet von einer Äbtissin namens Scholastica, die im 15. Jahrhundert in ihrem Stift in Gernrode im Unterharz eine Gehörlose mittels Gebärden unterrichtete, sodass diese zum Abendmahl zugelassen werden konnte.

Samuel Heinicke gründete 1789 in Leipzig die erste deutsche Gehörlosenschule, in der nur die Lautsprache Anwendung fand.Als lebende Modelle mussten taube Menschen wegen ihrer vermeintlichen Sprachlosigkeit alle Jahrhunderte hindurch für die Überprüfung philosophischer Theorien herhalten. Die Unfähigkeit zu sprechen wurde mit der Unfähigkeit zu denken gleichgesetzt. Zugrunde lag dabei ein Verständnis von Sprache, das Gebärdensprachen ausschloss. Die unverständlich artikulierenden „Taubstummen“ galten demnach als sprachlose Wesen. In einem spanischen Kloster kam es erstmals zu Erfolgen in dem Bestreben, Gehörlosen das Artikulieren beizubringen, die über die Landesgrenzen hinaus für Aufsehen sorgten: Um 1550 unterrichtete der Mönch Pedro Ponce de Lèon zwei gehörlose adlige Jungen und lehrte sie sprechen. Das galt als Wunder und als Beweis für die Bildungsfähigkeit von Gehörlosen. Hauptsächlich Geistliche, Gelehrte und Ärzte engagierten sich in der „Taubstummenbildung“. Den Arzt interessierte der medizinische Fall, den Sprachforscher das philologische Problem und für den Geistlichen stand die Verkündigung des Wort Gottes im Vordergrund.

Die Anfänge der Gehörlosen-Schulbildung wurden zwar noch von den Zeitgenossen des 18. Jahrhunderts als Eingriff in das Werk Gottes kritisiert, dass diese Anfänge jedoch gerade ins Jahrhundert der Aufklärung fielen ist kein Zufall, sondern ergibt sich aus den geistesgeschichtlichen Veränderungen dieser Zeit. Der Mensch in seiner Rohheit galt als „Tier“, erst die Erziehung machte ihn zum Vernunftwesen. Für die vermeintlich unerziehbaren Gehörlosen galt diese Auffassung in besonderer Weise. Insofern stieß die „Entdeckung der Bildbarkeit“ tauber Menschen im 18. Jahrhundert in weiten Kreisen auf Interesse. Sprachphilosophische und anthropologische Diskurse entzündeten sich; in Paris, Wien und Leipzig wurden in den neu entstandenen „Taubstummeninstituten“ die geistigen Leistungen der Zöglinge öffentlich präsentiert – und stießen allerorts auf wohlwollendes Erstaunen unter der gebildeten Bevölkerung. Es wurde erklärtes Erziehungsziel, „Taubstumme“ zu „nützlichen Mitgliedern der Gesellschaft“ zu machen.

Der gehörlose Lehrer Otto Friedrich Kruse.Die weltweit erste Gehörlosenschule gründete 1771 der Pfarrer Abbé de l’Epée in Paris. Am dortigen Institut wurden im Unterricht Gebärden eingesetzt, während an der ersten deutschen Gehörlosenschule, die Samuel Heinicke 1789 in Leipzig gründete, nur die Lautsprache Anwendung fand. Der Briefwechsel der beiden wurde als Manifestation des damaligen Methodenstreits bekannt, da er die prinzipiell gegensätzlichen Standpunkte der oralen und der manuellen Methode widerspiegelte. Ernst Adolf Eschke, der Schwiegersohn Heinickes, gründete in Berlin selbst auch eine Schule für Gehörlose, an der er aber eine kombinierte Methode praktizierte und auch gehörlose Lehrer einstellte. Im 19. Jahrhundert waren an verschiedenen „Taubstummenanstalten“ gehörlose Lehrer tätig und der Unterricht fand in unter Einbeziehung der Gebärdensprache statt. So etwa in Bad Camberg, wo der Gehörlose Freiherr Hugo von Schütz nach dem Vorbild des Wiener Instituts, das er als Schüler besucht hatte, mittels Gebärdensprache lehrte oder auch in Schleswig, Bremen und Altona, wo der gehörlose Lehrer Otto Friedrich Kruse lange Zeit tätig war. Fakt ist, dass es in Deutschland bis Ende des 19. Jahrhunderts keine einheitliche Methode der Schulbildung für Gehörlose gab.

Das änderte sich nach 1880, als auf dem sogenannten Mailänder Kongress, dem zweiten Internationalen Taubstummen-Lehrer-Kongress, eine Resolution mit weitreichenden Konsequenzen für gehörlose Menschen beschlossen wurde. Die dort anwesenden Lehrer verabschiedeten eine Erklärung, die in Verbindung mit den oralistischen Tendenzen im zeitgeschichtlichen Kontext zur Folge hatte, dass in den kommenden Jahren die Gebärdensprache systematisch aus den Klassenzimmern verbannt wurde. Fortan sollte nur noch in Lautsprache unterrichtet werden. Diese Entwicklung führte dazu, dass im Unterricht eines jeden Faches Artikulieren im Vordergrund stand. Gehörlose sollten vorrangig sprechen lernen. Die Wissensvermittlung rückte dadurch in den Hintergrund, denn auf Basis der gesprochenen Sprache – die sich gehörlose Menschen über das Ablesen des Mundbildes erschließen müssen – konnten Zusammenhänge nicht verständlich vermittelt werden.
„Mitteilung durch Geberden“ von 1836.Die Folgen waren schlechte Bildungsabschlüsse und eine stärkere Isolierung gehörloser Menschen von der hörenden Gesellschaft. Auch heute, nach mehr als 130 Jahren, stellt die einseitig auf Lautsprache ausgerichtete Praxis in vielen Gehörlosenschulen noch ein Problem dar. Unter idealen Bedingungen kann man maximal 30 Prozent des Gesprochenen von den Lippen ablesen, die anderen 70 Prozent müssen aus dem Kontext des Gesagten erschlossen werden. Das heißt: Von Gehörlosen wird erwartet, dass sie über eine Sprache, die für sie zum Großteil nicht zugänglich ist, Zusammenhänge erschließen und Wissen erwerben können sollen.

Der wissenschaftliche Nachweis darüber, dass Gebärdensprachen sehr wohl vollwertige Sprachen sind, wurde erst im Jahre 1960 durch den US-amerikanischen Linguisten William C. Stokoe erbracht. In Deutschland wurde die Gebärdensprachforschung unter Leitung von Professor Siegmund Prillwitz im Jahr 1982 etabliert und führte zur Gründung des Instituts für Deutsche Gebärdensprache und Kommunikation Gehörloser an der Universität Hamburg. Seit 2002 ist die Gebärdensprache in Deutschland auch gesetzlich anerkannt.

Allmählich erlebt die Gebärdensprache eine langsame Rehabilitation. Neuere Entwicklungen, wie die 2006 verabschiedete Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen und die Erklärung von Vancouver 2010 werden nicht spurlos an einer Entwicklung der Schule der Zukunft vorbeigehen können. Dort muss die Gebärdensprache eine Selbstverständlichkeit werden.

 

Literatur:
Feige, H.-U. (2000): „Denn taubstumme Personen folgen ihren tierischen Trieben …“
(Samuel Heinicke). In: Gehörlosen-Biographien aus dem 18. und 19. Jahrhundert.
Gessinger, J. (1994): Auge und Ohr. Studien zur Erforschung der Sprache am Menschen 1700-1850.
Lane, H. (1989): Mit der Seele hören. Die Geschichte der Taubheit.
List, G. (1997): „Minorisierung und Minderheit.“ In: Gehörlos – nur eine Ohrensache? Aspekte der Gehörlosigkeit. Ein Kompendium für Neueinsteiger. Hrsg. von der Deutschen Arbeitsgemeinschaft für Evangelische Gehörlosenseelsorge.

Verfasserin:
Bettina Herrmann arbeitet als wissenschaftliche Referentin beim Deutschen Gehörlosen-Bund e.V. Sie studierte Germanistik, Gebärdensprachen und Sozial- und Wirtschaftsgeschichte.

 

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Quellen der historischen Bilder
Czech, Franz Herrmann (1836): Versinnlichte Denk- und Sprachlehre, in Anwendung auf die Religions- und Sittenlehre und auf das Leben. Deutsche Gehörlosenzeitung 4 (1985), 124. Fischer, Renate & Lane, Harlan (Hrsg./1993): Blick zurück. Ein Reader zur Geschichte von Gehörlosengemeinschaften und ihren Gebärdensprachen, 513, 343, 149.

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