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„Ich fühlte mich wie neugeboren.“

Interview mit Lutz Pepping

Ich habe erst in der Realschule für Hörgeschädigte in Dortmund die Gebärdensprache kennengelernt!Bettina Herrmann: Lutz, du bist gehörlos geboren und lautsprachlich erzogen worden. Wo kamst du mit der Gebärdensprache in Berührung?

Lutz Pepping: In der Realschule in Dortmund. Ich habe meine Mutter gefragt, was das für Handbewegungen sind. Meine Mutter erklärte mir, dass es die Gebärdensprache sei, die die Gehörlosen benutzen. Ich selber war erstaunt! Ich war auch gehörlos, aber konnte die Gebärdensprache nicht! Ich musste lautsprachlich kommunizieren. Also: ich habe erst in der Realschule für Hörgeschädigte in Dortmund die Gebärdensprache kennengelernt. Da war ich ungefähr elf Jahre alt.

Heute ist die Gebärdensprache selbstverständlich für dich?

Aber sicher, für mich ist sie selbstverständlich. Ich liebe Gebärdensprache! Für mich ist Gebärdensprache eine tolle Kommunikationsform. Ich benutze heute fast nur noch die Gebärdensprache, die Lautsprache kaum noch. Denn für mich ist die Lautsprache eigentlich zu viel Kompromiss, wegen der vielen sprachlichen Barrieren. In der Gebärdensprache fühle ich mich einfach freier und kann mich besser ausdrücken. Es ist meine Muttersprache. Auch wenn ich erst sehr spät dazu gekommen bin, ist es meine Muttersprache.

Und auf was für einer Schule warst du vor der Realschule?

Also, am besten erzähle ich mal ganz von Anfang an. Als ich geboren wurde, waren meine Eltern zunächst schockiert, weil ich gehörlos bin. Meine Eltern haben sich viele Gedanken gemacht und nach Therapiemöglichkeiten gesucht. Mein HNO-Arzt sagte, ich sei medizinisch gesehen hochgradig schwerhörig, fast an Taubheit grenzend. Daher wäre eine Versorgung mit Hörgeräten möglich. Ich wurde an einen guten Hörgeräte-Akustiker überwiesen, der viel Erfahrung mit der Hörgeräteversorgung bei hörgeschädigten Kindern hatte. Dieser Akustiker kannte eine Familie, die auch ein gehörloses Kind hatte, das sehr gut gefördert wurde – mit Lautsprache. Meine Eltern nahmen Kontakt mit dieser Familie auf, die Erfahrungen mit Therapiemöglichkeiten in der Schweiz hatte. Dort gab es eine Frau Schmid-Giovannini, und meine Eltern kontaktierten sie und fragten nach. Frau Schmid-Giovannini hat meine Eltern dann beraten. Im Alter von drei, vier Jahren ging die Therapie in der Schweiz los. Das bedeutete für mich jeweils sechs Wochen am Stück Therapie in der Schweiz und sechs Wochen zuhause im Wechsel – und das ca. drei Jahre lang. Dort lernte ich die Lautsprache.
ICED 2010 in VancouverIch ging zunächst in einen Kindergarten für Hörende, im Alter von sieben Jahren wurde ich in eine Grundschule für Hörende eingeschult. Meine Eltern haben vorher überlegt, mich in eine Grundschule für Schwerhörige zu schicken. Sie haben aber einen Schock bekommen, als sie sich diese Grundschule angesehen haben. Für sie war das Verhalten der schwerhörigen Kinder schlimm, die Kinder gingen aufeinander los und es ging sehr chaotisch zu. Deshalb weigerten sich meine Eltern, mich dort einzuschulen. Nach Rücksprache mit dem Schulrat durfte ich in eine Grundschule für Hörende. Dort bekam ich viel Unterstützung von meiner Familie, aus der Nachbarschaft und von den Lehrern. Auch eine pädagogische Begleitung war für mich da. Aber natürlich wurde niemals die Gebärdensprache benutzt.
Erst als ich mit der Grundschule fertig war, gab es Überlegungen, ob ich weiter auf eine Schule für Hörende gehen soll oder auf eine Realschule für Hörgeschädigte. Da die Klassen auf einer weiterführenden Schule für Hörende sehr groß sind, bestand die Gefahr, dass ich da „untergehen“ würde. Meine Eltern waren von der Realschule für Hörgeschädigte in Dortmund beeindruckt und so kam ich da hin.
Es war eine große Umstellung für mich: erstens wegen der Gebärdensprache, aber auch weil meine Klasse mir das Gefühl gab, dass ich dorthin gar nicht passte. Ich war in einer Klasse mit Schwerhörigen. Klar, ich hatte dank der Grundschule für Hörende einen guten Bildungsstand, aber irgendwie ging das trotzdem schief. Meine Noten wurden immer schlechter. Nach eineinhalb Jahren musste ich die Klasse wiederholen und kam dann in eine Klasse für Gehörlose. Danach ging es wieder bergauf mit meiner schulischen Leistung. Denn Dank der Gebärdensprache war der Unterricht barrierefrei! Ich fühlte mich wie neugeboren.

Meinst du, dass du dich wie „neugeboren“ fühltest durch den Wechsel zur Gebärdensprache?

Ja. Ich kann heute rückblickend sagen, dass ich damals einfach Glück hatte. Ich finde es schade, dass ich die Gebärdensprache nicht von Anfang an gelernt habe. Ich habe damals zuerst einen anderen Weg eingeschlagen und erst später den richtigen gefunden. Es war einfach so. Im Laufe der Schulzeit wurde es immer wichtiger für mich, mich für eine Sprache zu entscheiden.

Noch mal zurück zu Grundschule für Hörende. War es für dich sehr schwer, dem Unterricht zu folgen?

Ja sicher, aber das Sozialverhalten dort war sehr gut – das wurde uns immer wieder mit Strenge beigebracht. Wenn ein Schüler sprechen wollte, musste er mich ansehen, damit ich von den Lippen ablesen konnte. Die Kinder haben sich gegenseitig dabei unterstützt. Sie haben mir oft geholfen, wenn ich irgendwas nicht verstanden habe. Und sie hatten keine Hemmungen, konnten locker mit meiner Behinderung umgehen. Der Informationsaustausch war sehr gut, da sie keine Probleme hatten, Rücksicht auf mich zu nehmen. Dagegen waren Erwachsene nicht immer so entgegenkommend und haben sich oft keine Mühe gegeben.

Wie kommunizierst du heute mit deinen Eltern?

Wie damals auch, in Lautsprache.

Ich finde es schade, dass ich die Gebärdensprache nicht von Anfang an gelernt habe.Bedauerst du das oder hättest du es lieber anders?

Meine Eltern haben akzeptiert, dass ich die Gebärdensprache benutze. Sie sehen auch, dass ich glücklich bin und so meinen Weg gehe. Ich betone gegenüber meinen Eltern immer wieder, dass ich nur Erfolg habe, weil ich die Gebärdensprache benutze und nicht durch die Lautsprache. Das sehen meine Eltern auch ein. Sie bemerken meine Veränderung, seitdem ich in Hamburg lebe und studiere. Vor allem meinen starken Identitätswandel. Früher pendelte ich immer zwischen der lautsprachlichen und gebärdensprachlichen Welt. Heute lebe ich hauptsächlich in der Welt der Gebärdensprache und möchte gerne, dass meine hörenden Gesprächspartner auch die Gebärdensprache können. Ich brauche einfach eine richtig funktionierende Kommunikation, und die ist nur in Gebärdensprache möglich. Für mich persönlich ist es ganz wichtig, dass die Hörenden eine positive Einstellung zur Kommunikationsform der Gehörlosen, nämlich der Gebärdensprache, haben.

Heute gibt es viele Diskussionen zum Thema Inklusion. Du hast ja selber Erfahrungen auf einer Schule für Hörende gemacht. Wie siehst du Inklusion?

Inklusion ist für mich eine gute Chance, hat aber auch ein Risiko. Inklusion gibt uns die Chance, in Bildung und Kultur voranzukommen und fördert die Zusammenarbeit zwischen Gehörlosen und Hörenden, was ganz besonders wichtig ist.
Wenn ein gehörloses Kind in eine Schule für Hörende gehen soll, muss sehr genau überlegt werden, warum dort und nicht in eine Schule für Hörbehinderte. Es müssen die Kriterien sehr genau überprüft werden. Gibt es in der Schule für Hörende bestimmte Voraussetzungen wie z.B. Gebärdensprache im Unterricht, Achtung und Respekt der hörenden Schüler gegenüber dem Gehörlosen und der Gebärdensprache? Gut wäre auch, wenn es ein spezielles Kursfach gäbe, wo Hörende etwas über Gehörlose und Gebärdensprache lernen. Und: es darf nicht nur ein einzelner Gehörloser inmitten der Hörenden unterrichtet werden. Sinnvoller ist es, wenn mehrere gehörlose Schüler zusammen sind.
Zudem müssen die Lehrer darauf vorbereitet werden. Idealerweise sollten auch gehörlose Lehrer eingestellt werden bzw. hörende Lehrer die Gebärdensprache beherrschen. Der Unterricht sollte mit zwei Lehrern in Form eines „Team-Teaching“ erfolgen oder mit Gebärdensprachdolmetschern, die auch noch eine Art pädagogische Ausbildung haben. Es ist schon schwierig, da es noch sehr viele offene Fragen gibt. Da sind Schulen für Gehörlose schon einfacher, weil die Rahmenbedingungen schon vorhanden sind. Aber dort wird noch zu viel in Lautsprache unterrichtet – wenn mehr in Gebärdensprache unterrichtet würde, dann wäre das optimal.

Wirklich eine interessante Lebensgeschichte. Und du studierst jetzt auf Lehramt?

Ja! Und bald bin ich auch fertig damit. In der 8. Klasse hatte ich eine Lehrerin, die wie ich ihren Abschluss an der Realschule für Hörgeschädigte in Dortmund, danach in Essen ihr Abitur gemacht und schließlich in Köln studiert hatte. Diese gehörlose Lehrerin hatte für mich eine Signalwirkung. Ich war so begeistert von der Vorstellung, dass es gehörlose Lehrer gibt! Mein Entschluss stand fest: Abitur in Essen machen und dann studieren!

Du warst neulich in Kanada, in Vancouver. Was war das für eine Veranstaltung?

Markku Jokinen (FIN) – Präsident des Weltverbandes der Gehörlosen (WFD) beim Unterzeichnen des Beschlusses. Es handelte sich um den Internationalen Kongress zur Bildung und Erziehung Gehörloser, kurz ICED: International Congress on Education for the Deaf. Der Kongress richtete sich an Wissenschaftler und Pädagogen. Es haben ca. 600 Personen daran teilgenommen, sie kamen aus 60 verschiedenen Ländern. Ich war wirklich überwältigt von den vielen Nationen und den unterschiedlichen Sprachen. 25 Prozent der Teilnehmer waren hörbehindert, die restlichen 75 Prozent waren hörend. Der Anteil der Hörgeschädigten war also bei diesem Kongress außergewöhnlich hoch. Und es wurde fast überall gebärdet! Beeindruckend war auch die Zahl der Vorträge und Fachreferate, die dort gehalten wurden. Viele Professoren gebärdeten ihre Vorträge, die Informationen und Inhalte waren für alle gut verständlich. Es gab sieben bis acht verschiedene thematische Schwerpunkte auf dem Kongress zu Themen wie Frühförderung, Gebärdensprache, Computersoftware, usw. und es wurden Untersuchungen, Forschungen, Analysen und Unterrichtsmethoden vorgestellt. Es war also ein sehr umfangreiches Angebot. Besonders berührend war es, als am Anfang des Kongresses Marguerite Henderson, ein ICED-Vorstandsmitglied, auf den Mailänder Kongress im Jahr 1880 hinwies.

Der ICED ist der Nachfolger des „Internationalen Taubstummen-Lehrer-Kongresses“, der 1880 die sogenannten Mailänder Beschlüsse verabschiedete. Es wurde auf dem Kongress in Vancouver eine neue Erklärung verabschiedet, die die Beschlüsse des Mailänder Kongresses revidiert …

Ja, die Fachleute vom ICED in Vancouver fanden den alten Beschluss von Mailand nicht mehr zeitgemäß und auch nicht gut. Deshalb wurde in Vancouver ein neuer Beschluss gefasst. Dieser neue Beschluss richtet sich gegen die vielen Fehler und die einseitige Sichtweise der Vergangenheit. Durch ihn soll es möglich werden, mehr auf die Bedürfnisse von gehörlosen Kindern einzugehen. Das bedeutet mehr Unterstützung für deren Entwicklung, mehr Förderung ihrer Talente, weniger Druck im Unterricht für mehr Erfolg in der Zukunft. Der neue Beschluss wird ab sofort weltweit als neue Richtlinie für alle, die mit Gehörlosen zu tun haben, angesehen. Dies bedeutet für uns alle einen großen Schritt nach vorn.

Warum findest du, dass die Gebärdensprache so wichtig für gehörlose Kinder ist?

Die Gebärdensprache ist so wichtig, weil es den Kindern einen Austausch an Informationen ermöglicht. Sie können in Gebärdensprache besser miteinander diskutieren und bekommen dadurch Zugang zu Bildung. An erster Stelle steht die Gebärdensprache, an zweiter Stelle, aber ebenso wichtig, ist die Schriftsprache. Schriftsprache kommt in den Medien, Untertiteln, Chat usw. vor und ist für den Spracherwerb wichtig. Die Gebärdensprache ist die Alltagssprache und ist für die eigene Identitätsbildung von entscheidender Bedeutung.

Vielen Dank für das Interview!

 

Das Interview führte Bettina Herrmann in Deutscher Gebärdensprache (DGS). Es wurde von Erik Körschenhausen ins Deutsche übersetzt.

Die Rede von Marguerite Henderson ist in gesprochenem Englisch online verfügbar unter www.youtube.com/watch?v=9hjSyuN5slE.

 

Der komplette Artikel als PDF zum herunterladen .

Fotos: L. Pepping

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