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Eine neue Ära der Teilhabe und Zusammenarbeit

Vancouver 2010

Die folgende Grundsatzerklärung wurde gemeinsam vom Organisationskomitee der Internationalen Konferenz zur Erziehung und Bildung Gehörloser (International Congress on Education of the Deaf, ICED) und der Gehörlosengemeinschaft von British Columbia (Kanada) veröffentlicht:

Grundsatzerklärung

Weltweit begegnen taube Menschen in der Mehrheitsgesellschaft der Auffassung, dass taube Menschen Behinderte seien. Dieses „Behinderungsparadigma“ trägt unmittelbar zum Ausschluss und zur Abwertung aller Menschen bei, die als „anders“ angesehen werden, einschließlich tauber Menschen. Daraus folgt, dass taube Menschen in vielen Ländern immer noch an der Teilhabe an der Mehrheitsgesellschaft gehindert und von dieser ausgeschlossen werden. Vielen von ihnen wird der gleichberechtigte Zugang zu politischen Entscheidungsprozessen, zum Arbeitsmarkt und zu einer guten Bildung verwehrt.

Trotz dieses „Behinderungsparadigmas“ liefern taube Menschen in Gesellschaften, die Diversität und Kreativität begrüßen, einen positiven Beitrag. Sie bereichern ihre Nationen in den Bereichen Erziehung und Bildung, Wirtschaft, Politik, Kunst und Literatur. Es ist ein unabdingbares Recht tauber Menschen, als sprachliche und kulturelle Minderheit anerkannt zu werden, als integraler Bestandteil jeder Gesellschaft.

Wir möchten deshalb alle Nationen dazu aufrufen, die Teilhabe aller Menschen, und somit auch der tauben Menschen, anzuerkennen und zu fördern.

Die Beschlüsse des Mailänder Kongresses 1880

Im Jahre 1880 fand in Mailand der Zweite internationale Taubstummen-Lehrer-Kongress statt. Die Kongress-Teilnehmer fassten damals eine Reihe von Beschlüssen, die für die Bildung und das Leben tauber Menschen weltweit gravierende Konsequenzen hatten. Die Beschlüsse

  • sorgten dafür, dass Gebärdensprachen aus dem Bereich Erziehung und Bildung tauber Menschen verbannt wurden,
  • wirkten sich weltweit nachteilig auf das Leben tauber Menschen aus,
  • führten weltweit in vielen Ländern zum gesetzlichen Ausschluss tauber Menschen aus der Bildungspolitik und Bildungsplanung,
  • hinderten taube Menschen an der Teilhabe an politischen Entscheidungsprozessen und Planungen und an der Inanspruchnahme finanzieller Mittel für berufliche Ausbildungen, Weiterbildungen, Fortbildungen, Umschulungen und weitere karrierefördernde Maßnahmen,
  • hinderten taube Menschen daran, beruflich erfolgreich zu sein und ihren eigenen Bestrebungen zu folgen,
  • erschwerten es tauben Menschen, ihre kulturellen und künstlerischen Beiträge zur Diversität jeder Nation uneingeschränkt präsentieren zu können.

Darum

  • weisen wir alle Beschlüsse des Mailänder Kongresses zurück, welche die Einbeziehung der Gebärdensprache in Bildungsprogrammen für taube Schülerinnen und Schüler untersagten;
  • nehmen wir die negativen Folgen des Mailänder Kongresses mit tiefem Bedauern zur Kenntnis; und
  • rufen wir alle Nationen der Welt dazu auf, dafür Sorge zu tragen, dass die Bildungsprogramme für taube Menschen alle Sprachen und alle Kommunikationsformen akzeptieren und respektieren.

Gemeinsames Abkommen für die Zukunft

Wir, die Unterzeichnenden, halten Folgendes fest:

  • Wir rufen alle Nationen dazu auf, den Richtlinien der Vereinten Nationen (UN) zuzustimmen und sie zu befolgen. Dies gilt besonders für die Richtlinien, die in der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen festlegen, dass staatliche Bildung ihren Schwerpunkt auf dem Erlernen von Sprache sowie dem Erwerb von akademischem, praktischem und sozialem Wissen haben solle.
  • Wir rufen alle Nationen dazu auf, der Resolution vom 15. Kongress des Weltverbands der Gehörlosen (WFD) in Madrid im Jahr 2007 zuzustimmen. Dies gilt besonders für die Beschlüsse zur Unterstützung und Förderung eines gleichberechtigten und angemessenen Zugangs zu multi-lingualer/multi-kultureller Bildung.
  • Wir rufen alle Nationen dazu auf, die Gebärdenprachen ihrer tauben Mitbürgerinnen und Mitbürger als rechtmäßige Sprachen ihrer Nationen mit einzubeziehen und sie als gleichwertig zu den Sprachen der hörenden Mehrheitsgesellschaft in ihren Nationen zu betrachten.
  • Wir rufen alle Nationen dazu auf, die Teilhabe tauber Mitbürgerinnen und Mitbürger an allen politischen Entscheidungsprozessen, die ihre Lebensbereiche betreffen, zu fördern, zu verbessern und zu begrüßen.
  • Wir rufen alle Nationen dazu auf, taube Menschen zur Unterstützung von Eltern mit tauben Babies, Kindern und Jugendlichen heranzuziehen, um diesen Eltern zu helfen, die Kultur tauber Menschen und Gebärdensprachen kennen und schätzen zu lernen.
  • Wir rufen alle Nationen dazu auf, einen kindzentrierten Ansatz in Bildungsprogrammen und einen familienzentrierten Ansatz in zusätzlichen Unterstützungsprogrammen für taube und hörende Familienmitglieder zu verfolgen.
  • Wir rufen alle Nationen dazu auf, alle tauben Kleinkinder an regionale und nationale Gehörlosenverbände zu melden bzw. an Schulen und Einrichtungen für Gehörlose zu überweisen, um die Frühförderung dieser Kleinkinder zu unterstützen.
  • Wir rufen alle Nationen dazu auf, sich intensiv dafür einzusetzen, dass taube Mitbürgerinnen und Mitbürger Informationen über ihre Menschenrechte erhalten, und
  • Wir rufen alle Nationen dazu auf, taube Menschen als stolze, selbstbewusste, produktive, kreative und vollwertige Bürgerinnen und Bürger ihrer Länder wahrzunehmen und anzuerkennen.

Claire Anderson (ICED 2010 Vancouver Organizing Committee)
Wayne Sinclair (British Columbia Deaf Community)
Doug Momotiuk (Canadian Association of the Deaf)
Markku Jokinen (World Federation of the Deaf)

Quelle:
DAS ZEICHEN 86 (2010), S. 565. Der Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung. Übersetzung aus dem Englischen: Christian Rathmann und Michaela Matthaei; Redaktion: Trixi Bücker.

 

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