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Hörbehinderte Kinder an Regelschulen: Was für den erfolgreichen Besuch einer Regelschule wichtig ist

Petra Blochius

Schule 1Immer mehr hörbehinderte Kinder besuchen statt einer Schule für Hörgeschädigte eine Regelschule. Mit der Anerkennung der Behindertenrechtskonvention (BRK) der Vereinten Nationen verpflichtet sich die Bundesrepublik Deutschland gemäß Artikel 24 BRK zur Schaffung eines inklusiven Bildungssystems. Folge dieser Verpflichtung wird bildungspolitisch das Bemühen sein, die Beschulung hörgeschädigter Kinder außerhalb von Förderschulen weiter voranzutreiben. Wie genau der Anspruch von Inklusion, also die uneingeschränkte Teilhabe aller SchülerInnen, in Bezug auf hörbehinderte Kinder umgesetzt werden wird, bleibt abzuwarten.

Viele Eltern hörgeschädigter Kinder möchten ihren Kindern bereits jetzt den Besuch einer Regelschule ermöglichen. Sie glauben, ihre Kinder hätten dadurch bessere Startchancen und könnten sich später eher auf dem Arbeitsmarkt behaupten. Eine verbesserte Hörgerätetechnik, moderne Kommunikationsanlagen und das Cochlea-Implantat unterstützen diese Bestrebungen.

Bei der Entscheidung für eine Regelschule darf man aber nie vergessen, dass eine Hörschädigung eine Kommunikationsbeeinträchtigung mit sich bringt, die dem betroffenen Kind den Schulalltag in vielerlei Hinsicht erschwert. Das hörgeschädigte Kind muss sich mehr anstrengen als seine MitschülerInnen, um dem Unterricht folgen zu können. Es wird in vielen Unterrichtssituationen benachteiligt sein und daher zu Hause vieles nacharbeiten müssen. Zudem kann die Hörschädigung den Aufbau sozialer Kontakte erschweren. Mit Beginn der Pubertät leiden viele Jugendliche mit einer Hörschädigung an Regelschulen unter ihrem Anderssein, ziehen sich zurück oder entwickeln Strategien, um ihre Hörschädigung zu verdrängen und zu verstecken – häufig mit schlechten Folgen für ihre Identitätsentwicklung.

SchulflurHörbehinderte SchülerInnen an Regelschulen werden üblicherweise von LehrerInnen des Mobilen Sonderpädagogischen Dienstes begleitet. Die Aufgaben der begleitenden PädagogInnen umfassen Besuche in den Klassen, die Unterstützung im Unterrichtsgeschehen sowie die Aufklärung, Sensibilisierung und Beratung der KollegInnen an den Regelschulen. Hierbei sollen das hörgeschädigte Kind und seine Eltern immer einbezogen werden. Leider liegen im ganzen Bundesgebiet für die Mobilen Dienste derzeit ungünstige Rahmenbedingungen vor, so dass sie ihre Aufgaben nur eingeschränkt wahrnehmen können. Es steht generell zu wenig Zeit für jedes Kind in der Integration zur Verfügung. Hier müssen die Betroffenenverbände zusammen mit den Eltern noch viel Aufklärungsarbeit leisten, damit die personelle und finanzielle Ausstattung der Mobilen Dienste verbessert wird.

Was brauchen hörgeschädigte Kinder und Jugendliche an Regelschulen?

Ein zentraler Punkt ist die kommunikative Barrierefreiheit in Klassen mit hörbehinderten Kindern. Um diese sicherzustellen, müssen alle Möglichkeiten des verbesserten akustischen und visuellen Zugangs genutzt werden. Dazu gehören zum Beispiel:

  • optimale medizinisch-technische Ausstattung (Hörgeräte, Cochlea-Implantate, Kommunikationsanlagen),
  • GebärdensprachdolmetscherInnen und/oder SchriftdolmetscherInnen,
  • visuelle Hilfen im Unterricht (Overheadprojektor, Beamer, Arbeitsblätter, etc.) sowie
  • gute Raumakustik in allen Klassenräumen.

Diese Hilfen sind individuell auf jedes Kind abzustimmen.

Zur Barrierefreiheit gehören außerdem:

  • Gesprächsdisziplin bzw. Kommunikationsregeln im Unterricht,
  • gute Beleuchtung der Klassenräume,
  • geräuscharme Umgebung,
  • eine Sitzordnung, bei der sich alle Gesprächsteilnehmer anschauen können,
  • gegebenenfalls Einsatz von Gebärdensprache und
  • kleinere Klassen.

Notwendig ist die Aufklärung der Lehrkräfte, der Schulleitung und der MitschülerInnen über die Hörschädigung, eine ausreichende Unterstützung durch PädagogInnen der Mobilen Dienste und Kenntnisse über die Möglichkeiten der Inanspruchnahme und richtige Anwendung des Nachteilsausgleichs. Der Nachteilsausgleich dient der Kompensation der durch die Behinderung entstehenden Nachteile. Zu einem Nachteilsausgleich gehören zum Beispiel:

  • dass die SchülerInnen mit einer Hörschädigung Kopien von Unterrichtsmitschriften von MitschülerInnen bekommen,
  • dass für hörbehinderte SchülerInnen mehr Zeit für Arbeiten im Unterricht zur Verfügung steht oder
  • dass die mündliche Leistung im Unterricht weniger stark bewertet wird als die schriftliche Leistung.

Hörgeschädigte Kinder sind „fit“ zu machen für den kommunikativen Alltag in Regelschulen, damit sie positive Erfahrungen in der Kommunikation sammeln können. Sie müssen ihre kommunikativen Bedürfnisse artikulieren können, damit Kommunikation gelingen kann. Dazu müssen sie zunächst wissen, was sie brauchen – und das ist oft nicht selbstverständlich. Während es im Einzelfall zum Beispiel genügen kann in einer ruhigen, gut beleuchteten Umgebung darauf zu achten, den Hörgeschädigten anzuschauen und etwas deutlicher zu sprechen, müssen in einer lauten Umgebung erst einmal die Bedingungen hergestellt werden, um kommunizieren zu können.

Die Unsichtbarkeit der Hörschädigung und die damit verbundene Schwierigkeit für Nichtbetroffene, deren Folgen zu verstehen, erfordert von hörgeschädigten SchülernInnen ein hohes Maß an kommunikativer und sozialer Kompetenz.

Kommunikative und soziale Kompetenz bedeuten hier:

  • die Fähigkeit, offen mit der Hörschädigung umgehen zu können,
  • die Fähigkeit sagen zu können, was man braucht, um verstehen zu können,
  • die Fähigkeit auf den Gesprächspartner einzugehen (Empathie) sowie
  • die Fähigkeit, die Gründe für Störungen in der Kommunikation nicht nur bei sich selbst oder nur bei der GesprächspartnerIn zu sehen. Die SchülerInnen müssen Strategien entwickeln können, mit den Hörenden gemeinsam Lösungen zu finden, damit die Kommunikation klappt.

Grundlegende Bedingungen für den Erwerb von kommunikativer und sozialer Kompetenz sind:

Wissen über die Hörschädigung und deren Folgen,

  • offensiver positiver Umgang mit der Hörschädigung,
  • ein gutes Selbstbewusstsein und
  • Erlernen von Hör- und Kommunikationstaktiken

Hier haben die Mobilen Sonderpädagogischen Dienste die Aufgabe, entsprechende Angebote bereitzustellen, damit diese Kompetenzen erlernt werden können. Das sollte auch von den Eltern, die eine Regelbeschulung wünschen, eingefordert werden.

Um all diese Kompetenzen erwerben zu können, brauchen hörgeschädigte Kinder auch Kontakt zu anderen hörgeschädigten Kindern und vor allem auch zu hörgeschädigten Erwachsenen. Sie brauchen Vorbilder, die ihnen vorleben, wie man offen mit der Hörschädigung umgeht und wie man freundlich, aber bestimmt notwendige kommunikative Bedingungen durchsetzen kann.
Der Kontakt mit anderen Betroffenen ist für eine positive Entwicklung – insbesondere für die Entwicklung eines gesunden Selbstbewusstseins – sehr wichtig. Hörgeschädigte Kinder erfahren in der Gruppe mit anderen hörgeschädigten Menschen, dass sie mit ihrer Behinderung nicht alleine dastehen. Im Austausch mit ihnen werden sie sich darüber bewusst, warum sie anders kommunizieren und warum Hörende darauf so oder so reagieren. Auf diese Weise können sie erfolgreiche Gesprächsstrategien entwickeln. Deshalb sollte die Förderung sozialer Netzwerke mit Betroffenen von allen Beteiligten unterstützt werden.

Eine wichtige Rolle in der Förderung dieser Kompetenzen übernehmen auch die Eltern. Sie unterstützen ihr Kind in kommunikativen Situationen und sorgen beispielsweise für gute Beleuchtung, drehen bei Gesprächen die Musik leiser, stellen den Sitzplatz für ihr Kind bereit, von dem aus es alle GesprächsteilnehmerInnen gut sehen kann oder weisen andere Menschen auf die Hörschädigung hin. So hat das Kind vorbildliche Unterstützung und lernt nach und nach, seine Rechte selbst einzufordern. Akzeptieren Eltern die Hörschädigung ihres Kindes, können sie es bestärken und mit ihm konstruktiv über Probleme sprechen.

Wenn das hörgeschädigte Kind über ausreichend kommunikative und soziale Kompetenzen verfügt, die Regelschule die kommunikative Barrierefreiheit gewährleisten kann und eine regelmäßige Betreuung durch gut ausgebildete PädagogInnen der Mobilen Dienste gegeben ist, dann ist die Beschulung hörgeschädigter Kinder in Regelschulen zu unterstützen und zu begrüßen.

Durch die gemeinsame Beschulung hörbehinderter und hörender Kinder in Regelschulen kann sich das Bild von Hörschädigung in unserer Gesellschaft positiv verändern und eine Entwicklung in Richtung Inklusion vorangetrieben werden.

 

Verfasserin:
Petra Blochius ist Audiotherapeutin und Erziehungswissenschaftlerin und leitet das Projekt „Hörnix“ (www.hoernix-darmstadt.de), das Kinder und Jugendliche an Regelschulen begleitet. Sie selbst ist seit ihrer Geburt schwerhörig mit fortschreitendem Verlauf und trägt mittlerweile beidseitig Cochlea-Implantate. Ehrenamtlich engagiert sie sich im Deutschen Schwerhörigenbund e. V. im Referat „Inklusion in Schule und Ausbildung“.

 

Der komplette Artikel als PDF zum herunterladen .

Fotos: M. Brichta/characterfotos.de, J. Muhs

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