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Barrierefreie Hochschule: Die Gallaudet University – Ein Exkurs in die USA

Asha Rajashekhar

Das Hauptgebäude der Gallaudet University.Die Gallaudet University in Washington, D.C. (USA) ist die weltweit einzige Universität für Gehörlose und Schwerhörige. Alle Vorlesungen und Seminare sind bilingual. Die Unterrichtssprachen sind die Amerikanische Gebärdensprache (American Sign Language; ASL) und die englische Schriftsprache. Das bedeutet: An dieser Universität können Gehörlose wirklich – und im eigentlichen Sinne des Wortes – barrierefrei studieren.
Die Qualität der Forschung wird sehr hoch angesetzt. Dadurch dass gehörlose und hörende Studenten gemeinsam forschen, wird ein Raum geschaffen, in dem sich zwei sehr verschiedene Perspektiven in produktiver Art und Weise verbinden können. Somit wird ein differenzierter Blick auf Themen der Geschichte, der Sprache und der Kultur Gehörloser sowie auf andere gehörlosenspezifische Themen ermöglicht, der in Forschung und Lehre mit einfließen kann.

Im Jahr 1857 wurde die Einrichtung unter dem Namen „Columbia Institution for the Deaf and Dumb and the Blind“ gegründet. Knapp 100 Jahre später wurde sie nach einem ihrer Mitbegründer umbenannt: Thomas H. Gallaudet. Im Jahr 1986 wechselten der Status und das Aufgabenfeld der Bildungsinstitution: aus dem Gallaudet College wurde – veranlasst durch Ronald Reagan und den US-Kongress – die Gallaudet University.

1988 wurde die Universität zum Schauplatz einer gehörlosen Protestbewegung, der „Deaf President Now“-Bewegung, die heute als Meilenstein in der gehörlosen Emanzipationsbewegung angesehen wird. Nach dem Abdanken des damaligen Universitätspräsidenten sollte der Platz erneut von einer hörenden Person besetzt werden. Die Studierenden forderten jedoch ein, diesen wichtigen und repräsentativen Posten ihrer Universität durch eine gehörlose Person zu besetzen. Nach Wochen des intensiven Protestes setzten sich die Studierenden durch und Irving King Jordan wurde der erste gehörlose Universitäts-Präsident der Gallaudet University.

Die Büste des gehörlosen Franzosen Laurent Clerc, der gemeinsam mit Thomas Hopkins Gallaudet das Gehörlosenbildungswesen in den USA aufbaute.In der Bildungsinstitution gilt seit ihrer Gründung die direkte und visuelle Kommunikation aller Beteiligten des akademischen Umfeldes als Grundlage für das bilinguale Konzept. ASL und die englische Schriftsprache – beide visuell zugänglich – bieten als gemeinsame Kommunikationsgrundlage allen Gallaudet-Studierenden ein natürliches und direktes Kommunikationsmittel. Weitere Universitäten in diesem Stil finden sich leider nirgendwo anders auf der Welt. An deutschen Universitäten wird (mit Ausnahme einiger Seminare am Institut für Deutsche Gebärdensprache in Hamburg) ausschließlich in gesprochenem Deutsch gelehrt. Aus diesem Grund müssen sich gehörlose Studierende in Deutschland immer noch mit GebärdensprachdolmetscherInnen behelfen, um studieren zu können. Wirklich barrierefrei ist das nicht, auch wenn der Einsatz von DolmetscherInnen eine wichtige Annäherung an die Barrierefreiheit bedeutet.
Wie bereits beschrieben, gestaltet sich die Lernsituation an der Gallaudet University anders als an allen übrigen Universitäten der Welt. Hier beherrschen alle gehörlosen, schwerhörigen und hörenden DozentInnen die ASL und kommunizieren ganz selbstverständlich in ASL mit den Studierenden. Die zweite Unterrichtssprache, die englische Schriftsprache, ist die Grundlage für das Verfassen von schriftlichen Arbeiten und für die textliche Auseinandersetzung mit dem bestehenden wissenschaftlichen Diskurs. Der barrierefreie Zugang auf der Basis dieser zwei Sprachen ist jedoch nicht das einzige Prinzip der Gallaudet University: Des Weiteren werden hier Inklusion, ein intensiver akademischer Diskurs sowie das Ausschöpfen sozialer und kultureller Ressourcen angestrebt. Durch die barrierefreie Kommunikation und gemeinsame wissenschaftliche Arbeit können diese Ziele auch wirklich umgesetzt werden.

Typischerweise beginnen Gallaudet-Studierende ihre Hochschulausbildung mit sehr unterschiedlichen sprachlichen Kenntnissen. Das Sprachenspektrum ist ähnlich dem von anderen zweisprachigen Universitäten auf der Welt.

Das Curriculum ist so ausgerichtet, dass es vorhandene Sprachkenntnisse berücksichtigt und das sprachliche Potential der Studierenden intensiv fördert. So gibt es spezielle Unterrichtseinheiten und Supportservices zur Verbesserung der Gebärdensprachkenntnisse und der schriftlichen und gesprochenen Kommunikation. Dass der Unterricht in Gebärdensprache stattfindet, heißt jedoch nicht, dass die Studierenden weniger Möglichkeiten haben das Englische anzuwenden, ganz im Gegenteil. Wie bereits erwähnt findet die kritische wissenschaftliche Auseinandersetzung auch intensiv auf schriftlicher Ebene statt. Der Erfolg dieses Sprachkonzeptes, einschließlich seiner kognitiven Herausforderung an die Studierenden durch das ständige ‚Sprachen-Switchen’ wurde gut dokumentiert: Diese Zweisprachigkeit fördert die persönlichen kognitiven Leistungen, stärkt das Selbstbewusstsein der gehörlosen Studierenden und regt die intensive soziale Begegnung und kulturelle Kreativität an. Somit ermöglicht das zweisprachige Umfeld an der Gallaudet University ein mehrdimensionales Lehrangebot.

Die gehörlosen, schwerhörigen und hörenden Studierenden bilden eine eingeschworene Gemeinschaft, die viele Mauern der Trennung, die im Lauf der Geschichte gewachsen sind, niederreißen. Anstelle von Isolation und Gettoisierung durchmischen sich – durch das enge Band, das die Gebärdensprache knüpft – alle Studierenden. Das öffnet die Türen zu mehr Offenheit und einem globaleren Bewusstsein.

 

Literatur und Links:
Van Cleve, J.V. & Crouch B.A. (1989): A Place of Their Own – Creating the Deaf Community in America. (Gallaudet University Press).

http://pr.gallaudet.edu/GallaudetHistory/page1.html
http://pr.gallaudet.edu/GallaudetHistory/page6.html

http://bilingual.gallaudet.edu/Office_of_Academic_Quality/…

Verfasserin:
Asha Rajashekhar studierte Sonderschullehramt an der Universität Hamburg und verbrachte ein Studienjahr an der Gallaudet University. Insbesondere das bilinguale Selbstverständnis im akademischen Umfeld wurde für sie zum Aha-Erlebnis. Der Aufenthalt in den USA verdeutlichte ihr die große Bedeutung einer barrierefreien Ausbildung und die Notwendigkeit der Verbesserung von Bildungszugängen für gehörlose Menschen in Deutschland.

 

Der komplette Artikel als PDF zum herunterladen .

Fotos: A. Rajashekhar

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