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„Gehörlose können alles – außer hören!“

Interview mit Stefan Goldschmidt

Bettina Herrmann: Stefan, du bist von Geburt an gehörlos. Wie verlief deine Kindheit?

Am wichtigsten ist, dass wir mehr Zugang zu Informationen haben und ein Recht auf unsere Würde.Stefan Goldschmidt: Ja, ich bin von Geburt an gehörlos, und meine Eltern sind beide hörend. Man hat erst nach zweieinhalb Jahren festgestellt, dass ich gehörlos bin, also ziemlich spät. Meine Eltern haben zwar schon vorher irgendwie gemerkt, dass mit mir irgendwas nicht stimmte, aber sie waren erstmal ratlos. Mit vier Jahren kam ich in den Kindergarten und dort fing ich an, erstmals die Gebärdensprache zu lernen, die ich im Laufe der Schulzeit weiter verbessern konnte. Meine Eltern versuchten, eine Kommunikation mit mir aufzubauen, was aber nicht so einfach war. In der Schule lernte ich zwar schon das Fingeralphabet, das meine Eltern auch verwendet haben, aber gebärdet wurde ganz wenig. Nur einige „hausinterne“, also eigene Gebärden zur einfachen Kommunikation untereinander. Mit meinem jüngeren hörenden Bruder konnte ich spielend gebärden. Im Laufe der Zeit konnte ich zwar besser mit meinen Eltern kommunizieren, allerdings nicht so tiefgehend. Also eher oberflächlich in kurzen Sätzen.

Und wie funktioniert heute die Kommunikation mit deinen Eltern?

Heute besser als früher, aber trotzdem bleibt es immer eine Beschränkung in der Kommunikation erhalten. Ich verwende meine Stimme, wenn ich mich mit meinen Eltern unterhalte. Wenn ich ohne Stimme einfach drauf los gebärden würde, könnten sie mich überhaupt nicht oder nur sehr schwer verstehen. Allerdings versuchen meine Eltern, mit ein paar Gebärden und Gestik mit mir zu kommunizieren. Ihr Gebärdensprachschatz erweitert sich nach und nach etwas. Mein Vater bereut es schon, nicht vor 30 Jahren die Gebärdensprache gelernt zu haben! Denn er bedauert es, sich nicht mit seinem gehörlosen Sohn tiefer gehend unterhalten zu können. Ich sage meinem Vater immer, dass es nicht seine Schuld ist. Die Gesellschaft wollte es damals so.

War für dich die Benutzung der Gebärdensprache im Kindergarten und in der Schule selbstverständlich?

Im Unterricht durfte keine Gebärdensprache verwendet werden. Wir wurden in der Schule rein oral erzogen. Ab und zu wurden einzelne Gebärden zur Unterstützung verwendet. Sonst wurde immer in Lautsprache unterrichtet und ich musste von den Lippen ablesen. Im Unterricht mussten wir unsere Hände auf dem Tisch haben und aus Texten vorlesen – in Lautsprache und mit Kopfhörern auf dem Kopf. Nur in den Pausen haben wir ganz selbstverständlich gebärdet. In den Pausen waren wir frei, da störte uns keiner. Auch im Schulbus war es kein Problem. Aber im Unterricht durften wir keine Gebärdensprache benutzen.
Mit zehn Jahren trat ich in den Gehörlosen-Sportverein ein und dort konnte ich mit den anderen immer in Gebärdensprache kommunizieren. Im Verein beobachtete ich gerne die erwachsenen Gehörlosen. Ich nahm alles auf wie ein Schwamm. Für mich war das ein Ausgleich zur lautsprachlichen Schulerziehung und der schwierigen Kommunikation mit meinen Eltern. Der Sportverein war meine soziale Welt, ich war dort auf einer Ebene mit den anderen Gehörlosen.

Du hast dein Abitur in Essen gemacht. Wie ging es dann weiter?

Ja, ich habe mein Abitur in Essen gemacht. Dann ging ich nach Washington D.C. in den USA an die Gallaudet-Universität, um dort Soziologie und Deaf Studies zu studieren.

Warum nach Gallaudet?

Gallaudet ist die weltweit einzige Universität speziell für Gehörlose. Wie ich darauf gekommen bin war eher Zufall. Meine hörende Tante gab mir zwei Jahre vor meinem Abitur den Hinweis, dass es in den USA eine Universität für Gehörlose gäbe! Ich hatte davon auch schon mal erfahren. Ein Jahr später erinnerte meine Tante mich noch mal daran. Da war ich mir sicher, dass ich mein Abitur ein Jahr später schaffen würde und ich machte mir ernsthafte Gedanken darüber. Außerdem interessiere ich mich für viele Dinge und wollte auch gern ein anderes Land kennen lernen. Und mir war klar, dass ich studieren möchte.

War Gallaudet eine große Umstellung für dich?

Gallaudet war eine große Umstellung. Ein Schlüsselerlebnis hatte ich gleich am ersten Unitag: Die Veranstaltung fand in Amerikanischer Gebärdensprache statt. Der Dozent unterrichtete nur in Gebärdensprache und ohne Stimme. Ich dachte, er wäre gehörlos. Als ich meinen Mitstudenten fragte, ob der Dozent gehörlos sei, stellte sich heraus, dass er hörend war und die Gebärdensprache perfekt beherrschte! So etwas hatte ich in Deutschland noch nie erlebt. Ich war einfach sprachlos!
Die Informationen und den Unterrichtsstoff konnte ich problemlos aufnehmen. Ich fühlte mich an der Gallaudet-Universität sofort wohl. Alle kommunizierten nur in Gebärdensprache, die Lehrer, die Studenten und alle anderen Menschen auf dem Gelände. Es war wie ein „24-Stunden-Service“ in Gebärdensprache. Das war für meine Seele wie eine Wellness-Oase, wie das Paradies! In Deutschland muss man immer kämpfen, um voran zu kommen. In Gallaudet gibt es die Regel, dass alle in der Kommunikation die Gebärdensprache benutzen müssen. Das Tolle an Gallaudet ist außerdem, dass viele Professoren, Lehrer, Dozenten und Verwaltungsangestellte gehörlos sind; auch viele in leitenden Positionen. Hier in Deutschland ist das unvorstellbar. Hier bei uns herrscht immer noch das Vorurteil: „Du bist gehörlos, du schaffst das nicht.“ Es wird alles so pessimistisch gesehen, und das wird uns Gehörlosen auch eingetrichtert.
Aber Gehörlose können das! Gehörlose können alles – außer hören! In Gallaudet ist das ganz selbstverständlich. Daran sieht man sehr gut, wie verschieden Deutschland und die USA sind. Deshalb bin ich froh, dass es ab circa 1985 in Deutschland langsam einen Umbruch gab. Professor Siegmund Prillwitz legte den Grundstein für das Institut für Deutsche Gebärdensprache an der Universität Hamburg und Ulrich Hase als Präsident des Deutschen Gehörlosen-Bundes kämpfte für die gesetzliche Anerkennung der Deutschen Gebärdensprache. In diese Zeit fallen auch die ersten Deutschen Kulturtage der Gehörlosen 1993 in Hamburg oder das erste Gebärdensprachfestival 1991. Die deutschen Gehörlosen waren in der Selbstfindungsphase und wurden selbstbewusster. Bei den Amerikanern ging es in den 1960er Jahren schon los, sie waren uns also 20 Jahre voraus.

Und wie muss man sich das Campusleben auf der Gallaudet University vorstellen?

Alles, was man zum Leben braucht, verschiedene Alltagsdinge kann man dort in Gebärdensprache erledigen. Nicht wie in Deutschland, wo ich einen Gebärdensprachdolmetscher brauche. Alle Einrichtungen und Behörden sind an einem Ort zentriert. Es herrscht barrierefreier Zugang und es wird für die Studierenden alles geregelt. So hat man einen freien Kopf und man kann sich besser auf sein Studium konzentrieren. In Deutschland ist der hohe Zeitaufwand für die Verwaltung belastend, man muss sich selber um Dolmetscher und Finanzierung kümmern. In Amerika hat man mehr Rechte als Gehörloser. In Deutschland läuft dieser Prozess noch. Das Sozialgesetzbuch IX ist ein erster Fortschritt, aber es ist eine langwierige Entwicklung. Der Kampf um die Untertitel im Fernsehen ist auch ein Beispiel dafür. In Amerika ist das alles schon vorhanden und man bekommt durch die Untertitel genau dieselben Infos wie die Hörenden.
Im direkten Vergleich sind die Bildungsmöglichkeiten in Amerika besser als bei uns in Deutschland. Auch die beruflichen Möglichkeiten sind dort besser als hier. Man zeigt seine Leistung und wenn sie stimmt, sind die Arbeitgeber zufrieden. Egal ob schwarz, weiß, taub oder so. Wichtig ist nur: die Leistung muss stimmen.
Bei uns muss ein Paradigmen-Wechsel stattfinden, die Einstellung muss sich zugunsten Gehörloser ändern. Unsere Gesellschaft muss akzeptieren, dass wir auch viele Dinge können und wollen. Dasselbe gilt auch für die Medizin hierzulande, ebenso unsere Schulpolitik. Man ist immer so fixiert auf das Hören – in Amerika kommt es eher auf den Inhalt an. Sicher gibt es in den Staaten auch Meinungsverschiedenheiten zu Themen wie Cochlea-Implantat. Aber Gallaudet hat mir das Gefühl gegeben, dort richtig zu sein. Meine Seele fühlte sich sehr wohl dort.
Meine Eltern sagten sogar, warum gehst du nicht zurück nach Amerika, wenn du da so glücklich bist und in Deutschland nicht so gut vorankommst? Aber meine Wurzeln sind hier in Deutschland, meine Heimat.

Fiel dir die Rückkehr aus den USA nach Deutschland schwer?

Ich bin gerne zurückgekommen. Aber mir fehlten die Untertitel im deutschen Fernsehen. In Amerika sind alle Fernsehsendungen untertitelt und so war ich immer ausreichend informiert.
Allerdings weiß ich sehr genau, dass es in Deutschland Leute gibt, die was bewegen können. Deshalb herrscht auch eine gewisse Aufbruchstimmung hierzulande. Natürlich sehe ich das nicht als selbstverständlich an. Auch in den USA mussten die Gehörlosen kämpfen, genauso wie hier – sie bekamen nichts geschenkt.
Am wichtigsten ist, dass wir mehr Zugang zu Informationen haben und ein Recht auf unsere Würde. In den USA werden Rechte gerne vor Gericht eingeklagt, das gehört dort zur Alltagskultur. Auf diese Weise kam die Bewegung dort zustande. In Deutschland ist das ganz anders, hier wird nicht gerne geklagt – wir sind eher sehr kritisch. Bei uns werden gerne die Fehler anderer kritisiert. In den USA lernt man schneller daraus und gibt einem eine zweite Chance. Man fällt dort hin und steht gleich wieder auf, das ist deren Mentalität. Und das ist bei uns leider nicht der Fall.

Was bedeutet Gallaudet zusammenfassend für dich?

Zunächst einmal: Alltäglicher Gebrauch der Gebärdensprache, uneingeschränkte Kommunikation und damit verbunden gute Bildungsmöglichkeiten und ein großer Informationsaustausch.
Dann war für mich in Gallaudet sehr positiv, nebenbei ehrenamtlich arbeiten zu können. Dadurch habe ich viel gelernt, vor allem, wie man die praktische Umsetzung von Gleichstellung vorantreiben kann oder was ich in einer Vorbildfunktion brauche.
Und schließlich habe ich sehr viel über die Geschichte der Gehörlosen gelernt. Auch im kulturellen und psychologischen Bereich konnte ich mich weiterbilden, was damals in Deutschland noch fehlte.

Könntest Du dir vorstellen, dass es in Deutschland etwas Vergleichbares wie Gallaudet geben kann?

Eine Universität? Also, die könnte bei uns auch umgesetzt werden. Mittlerweile haben wir in Deutschland einen gehörlosen Professor und auch Gehörlose, die promoviert haben. Auch gehörlose Firmengründer gibt es bereits. Und es gibt immer mehr gehörlose Dozenten, die z.B. Gebärdensprache lehren. Es gibt also auf jeden Fall immer mehr Bereiche, wo gehörlose Menschen eine Rolle spielen. Vor allem ein abgeschlossenes Studium öffnet vielen Gehörlosen die Tür in die Arbeitswelt und diese Entwicklung ist zurzeit sehr positiv. Außerdem werden mehr Fernsehsendungen untertitelt als noch vor zehn Jahren! Diese Punkte zeigen eine positive Entwicklung in Deutschland. Es gibt auch immer mehr kulturelle Veranstaltungen. Ich finde das wirklich gut.

Du bist selbst Vater von zwei hörenden Kindern. Was empfiehlst du Eltern von hörbehinderten Kindern, damit ihre Entwicklung positiv verläuft?

Besonders wichtig ist der Zugang zur Gebärdensprache. Vor allem in der schulischen Bildung. Es muss Angebote geben, wo die Kinder sich selber weiterentwickeln können und nicht alles für sie gemacht wird. Man sollte den Kindern zeigen, dass sie Eigeninitiative übernehmen können und nicht immer mitleidend mit ihnen sein. Ein gehörloses Kind kann auch glücklich sein und Freude am Leben haben. Natürlich kann ich sehr gut nachvollziehen, dass die Diagnose für hörende Eltern erstmal ein Schock ist und dass sie Zeit brauchen, um es zu verarbeiten. Ganz wichtig ist es dann aber auch, die Eltern zu beraten und zu zeigen, welche Möglichkeiten es für sie bzw. ihr Kind gibt. Daher ist es ganz wichtig, darauf zu achten, was das Kind braucht. Ist das Kind gehörlos, dann sollte dem Kind die Gebärdensprache ermöglicht werden – den Eltern auch.

Vielen Dank für das Interview!

 

Das Interview führte Bettina Herrmann in DGS. Es wurde von Erik Körschenhausen ins Deutsche übersetzt. Stefan Goldschmidt arbeitet heute als Lektor am Institut für Deutsche Gebärdensprache und Kommunikation Gehörloser an der Universität Hamburg und lehrt dort Sprachpraxis und Soziologie.

 

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Foto: DGB

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