Pressemitteilung zu Sprache und Kognition

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Deutscher Gehörlosen-Bund e.V.


Pressemitteilung 6 / 2016


Sprache und Kognition - und der Bedarf an bewusstseinsbildenden Maßnahmen bei Angehörigen der Gesundheitsberufe

Berlin, 29. April 2016


Eine am 4. April 2016 veröffentlichte Presseinformation der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) mit dem Titel „Hören und Denken sind eng verbunden“[1] hat in der Gehörlosengemeinschaft für viel Diskussion gesorgt. Die Pressemitteilung, in der die Beziehung von Sinneserfahrungen und Kognition thematisiert wird, weckt den Eindruck, dass kognitive Fähigkeiten ausschließlich über das Hören ausgebildet werden könnten. Die für diese Hypothese zugrunde liegende Untersuchung der MHH konzentriert sich jedoch ausschließlich auf die Wahrnehmung akustischer Reize und berücksichtigt in keiner Weise den visuellen Input für die Entwicklung kognitiver Fähigkeiten.


Professor Dr. Christian Rathmann, Leiter des Instituts für Deutsche Gebärdensprache und Kommunikation Gehörloser an der Universität Hamburg, hat bereits mit einer Stellungnahme[2] reagiert. In dieser weist er auf vorliegende Studien hin, die sich mit visueller Wahrnehmung und der Ausbildung kognitiver Fähigkeiten befassen. Als Schlussfolgerung aus diesen Studien fasst Prof. Dr. Rathmann folgendes zusammen:


„Es ist in diesem Zusammenhang von großer Bedeutung, dass einem Kind, bei dem eine Hörbehinderung festgestellt wurde, so schnell wie möglich [...] gebärdensprachlicher als auch lautsprachlicher Input […] im vollen Umfang zugänglich gemacht wird. Der Vorteil am gebärdensprachlichen Input ist der, dass das Kind ohne jede Verzögerung seinen Spracherwerb und in der Konsequenz gleichzeitig auch eine altersgemäße kognitive Entwicklung vollziehen kann.“


Der Deutsche Gehörlosen-Bund e.V. dankt Prof. Rathmann für diese klaren Worte. Denn genau dafür engagiert sich der Deutsche Gehörlosen-Bund e.V. seit vielen Jahren: Dass Kinder mit einer Hörbehinderung frühen Zugang zur Deutschen Gebärdensprache erhalten und sie bimodal-bilingual mit Gebärdensprache und gesprochener Sprache aufwachsen können. Die Erkenntnis, dass der Gebärdensprache eine wichtige Bedeutung für eine gesunde sprachliche und – unmittelbar damit verknüpft – kognitive Entwicklung von Kindern mit einer Hörbehinderung zukommt ist keineswegs neu. Dass sie darüber hinaus auch für die sozial-emotionale und psychische Kindesentwicklung wichtig ist, wurde vom Deutschen Gehörlosen-Bund e.V. bereits in verschiedenen Publikationen dargelegt.


Mit diesen Publikationen verfolgt der Deutsche Gehörlosen-Bund e.V. unter anderem das Ziel, Aufklärungsarbeit über Gehörlosigkeit und Gebärdensprache zu leisten und eine Bewusstseinsbildung im Sinne der UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) zu fördern. Die Pressemitteilung der MHH macht deutlich, dass in diesem Bereich noch einige Defizite bestehen. Durch die rein medizinisch-therapeutische Fokussierung auf den Hörsinn und seine vermeintliche „Reparierbarkeit“ werden die wirklichen Bedürfnisse hörbehinderter Menschen ignoriert. Das internationale Forschungsteam kommt laut Pressemitteilung der MHH zu dem Schluss, dass eine gesunde kognitive Entwicklung ausschließlich durch Kompensation der Gehörlosigkeit und einer zielgerichteten Förderung des Hörens und des (Laut-)Spracherwerbs möglich ist. Diese Aussagen erwecken den besorgniserregenden Eindruck, dass den beteiligten Medizinern einschlägige Forschungserkenntnisse zu bilingualer Sprachentwicklung mit Laut- und Gebärdensprache bei Kindern mit Hörbehinderung unbekannt sind. Hier zeigt sich, dass noch viele bewusstseinsbildende Maßnahmen erforderlich sind, um bei den „Angehörigen der Gesundheitsberufe [...] das Bewusstsein für die Menschenrechte, die Würde, die Autonomie und die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderungen [zu] schärfen“ (UN-BRK Artikel 25 d).


Die Besonderheit in der Wahrnehmung der Welt unter der Bedingung einer Hörbehinderung beinhaltet per se eine eingeschränkte Zugänglichkeit zu gesprochener Sprache. Dass daran auch die Hörprothese Cochlea-Implantat nur bedingt etwas ändert, sagen die MHH-Forscher selbst. Denn Ausgangspunkt für ihre Studie „war die Tatsache, dass durch die Versorgung von gehörlosen Kindern mit Innenohrprothesen (Cochlea-Implantaten) ein Hördefizit zwar kompensiert werden kann, aber fast ein Drittel der Kinder […] trotz früher Versorgung nicht die Erwartungen der Kliniker hinsichtlich ihres Erwerbs an Sprachverständnis“ erreicht.


Genau hier gilt es anzusetzen: Notwendige Voraussetzung für eine gesunde kognitive Entwicklung hörbehinderter Kinder ist der vollständige Aufbau und der altersgemäße Erwerb von Sprache. Um diesen zu fördern, ist die Einbeziehung der Deutschen Gebärdensprache in der Frühförderung und in der Rehabilitation nach der Implantation einer Innenohrprothese unbedingt erforderlich. So können mögliche kognitive Defizite ausgeglichen und eine gesunde frühkindliche Gesamtentwicklung erreicht werden.


Weiterführende Literaturhinweise:

„Gebärde mit mir!“ (Flyer) online verfügbar unter www.kurzlink.de/DGB-Gebaerdemitmir

„Bilingual aufwachsen. Gebärdensprache in der Frühförderung hörbehinderter Kinder“
(Broschüre, 64 Seiten) online verfügbar unter www.kurzlink.de/DGB-Fruehfoerderung

„Mein Kind. Ein Ratgeber für Eltern mit einem hörbehinderten Kind“
(Broschüre, 132 Seiten), online verfügbar unter www.kurzlink.de/DGB-Elternratgeber


Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an Bettina Herrmann, Projektleiterin
„Sprachen machen mich gesund!“ www.kurzlink.de/DGB-SMMG


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Internet: www.gehoerlosen-bund.de


Die Pressemitteilung des DGB zu Sprache und Kognition als PDF



[1] Presseinformation vom 04.04.2016 der Medizinischen Hochschule Hannover, online verfügbar unter www.mh-hannover.de/46.html?&tx_ttnews[tt_news]=4495&cHash=9372250e91868167c310b0d3a8c1a088

[2] Stellungnahme zur Pressemitteilung der MHH vom 21.04.2016, online verfügbar unter https://www.idgs.uni-hamburg.de/images/stellungsnahme-rathmann/rathmann-stellungsnahme-04-2016.pdf